Die Krise der Lebensmitte

Wenn der Mittagsdämon den Leser befällt

Von Jürgen Dehm

Unter dem altersbedingten Verfall des Körpers scheint das zarte Gemüt des Schriftstellers besonders intensiv zu leiden. Der französische Autor Michel Houellebecq etwa äußerte sich im Jahr 2000 im Interview mit der „Zeit“ zutiefst besorgt darüber, „zu sehen, wie mein Körper allmählich zerfällt“. Das Phänomen, das Houellebecq – er war zum Zeitpunkt des Interviews 44 Jahre alt – mit großer Wahrscheinlichkeit erfasst hat, ist im populären Diskurs weit verbreitet und wird seit einigen Jahrzehnten von der Psychologie heiß diskutiert: es handelt sich um die Midlife-Crisis, ein Phänomen, das Mitte der 1960er-Jahre von dem englischen Psychoanalytiker Elliott Jacques geprägt und vor allem durch Gail Sheeneys Buch „In der Mitte des Lebens“ (1978) international verbreitet wurde.

Die Midlife-Crisis in der Literatur steht im Mittelpunkt der Studie „Der Mittagsdämon“ von Jürgen Daiber. Der Autor, Jahrgang 1961, möchte mit seinem Buch einen Beitrag „zur literarischen Phänomenologie der Krise der Lebensmitte“ leisten. Nicht Houellebecqs Romane, sondern Texte von Evagrius Ponticus (345-399), Johannes Tauler (um 1300-1561), Justinus Kerner (1786-1862), Robert Musil (1880-1942), Ingeborg Bachmann (1926-1973) und Durs Grünbein (*1962) hat sich der Literaturwissenschaftler Daiber als Gegenstände seiner Untersuchung vorgenommen. Gemeinsam ist all diesen Schriften, dass sie von den Autoren in der Mitte des Lebens verfasst wurden, in einem Alter, in dem sich nach entwicklungspsychologischen Studien das Individuum am stärksten mit dem Bewusstsein des unabwendbaren Todes konfrontiert sieht.

Seit Freud mangelt es gewiss nicht an Methoden einer psychoanalytischen Literaturwissenschaft. Auch mehr oder weniger ernst zu nehmende Darstellungen des wahnsinnigen Künstlers, des entrückten Genies finden sich in kaum zu überschauender Anzahl. Daibers Untersuchung zur Midlife-Crisis in der Literatur stellt dabei insofern ein Novum dar, dass sie dem Niederschlag der Krise der Lebensmitte der Autoren in deren Texten, also deren Literarisierung, nachgeht. Ziel der Studie ist eine vertiefte Darstellung des Wechselspiels von biographischem Impuls bei den Autoren und den kulturellen/literarischen Bewältigungsstrategien, die sich aus deren Schriften extrahieren lassen.

Methodisch wählt Daiber – im Sinne einer an Stephen Greenblatt geschulten poetics of culture – einen interdisziplinären Ansatz, den er in einem eigenen Theorienmodell erläutert. Unter Bezugnahme auf Erkenntnisse der historischen Psychologie, Anthropologie und Theologie, vor allem aber in der Verwendung der Psychoanalyse als „eine[r] Art hermeneutische[m] Verfahren“ verfolgt er die Strategie einer „literaturpsychologischen Deutung“.

Der Autor zeichnet dazu den medizinischen und (entwicklungs-)psychologischen Umgang mit dem wissenschaftlich noch jungen Phänomen nach und zeigt speziell im Hinblick auf die durch Elliott entfachte Diskussion um die Midlife-Crisis bei Schriftstellern und Künstlern bisherige Unzulänglichkeiten der Forschung auf.

Bei der Analyse seiner Beispielfälle geht Daiber chronologisch vor. Der erste Teil seiner Untersuchung konzentriert sich auf „Diskursvorstufen des Unbewussten“. Es geht um die vormoderne Zeit, in der Dämonen noch als real empfunden wurden. In der Acht-Laster-Lehre des spätantiken Asketen Evangrius Ponticus und – in Anschluss an diesen – bei Cassian ist der Dämon der Akedia die vom meditierenden Mönch am meisten gefürchtete Bedrohung: „Es ist jener Dämon, den die Wüstenväter auch als ,Mittagsdämon‘ bezeichnen, da sein Angriff auf den Mönch in der Einsamkeit seines Kellion in der Regel um die vierte Stunde (10 Uhr) beginnt und etwa bis um die achte Stunde (14 Uhr) andauert.“

Im „Meisterbuch“ des im 14. Jahrhundert lebenden Straßburger Dominikaners Johannes Tauler werden  mit der Notwendigkeit der „Bekumberung“ und der Chance der „kere“ religiöse Strategien entwickelt, mit denen der Mittagsdämon in Zaum gehalten werden soll. Nach dem Punkt aber, an dem „sich die von den Betroffenen als real erfahrene Existenz des Dämons zur mythologischen Metapher wandelt“, so führt Daiber weiter aus, wird das „Wirken des Bösen [...] zur Sprache des Unbewussten, das religiöse Erklärungsmodell weicht dem psychologischen oder tritt zumindest seinen absoluten Anspruch als allerklärendes Interpretationssystem ab.“

Genau am Schnittpunkt dieses Wandels stehen Justinus Kerner und seine medizinisch-psychologisch-okkultistische „Seherin von Prevorst. Eröffnungen über das Innere Leben der Menschen und über das Hereintragen der Geisterwelt in die unsere“ (1829). Es handelt sich bei dem Text um eine Studie des Arztes Kerner zu den Ausfallerscheinungen beziehungsweise Visionen seiner vermutlich an Hysterie und Schizophrenie leidenden Patientin Friederike Hauffe.

In der Verlegung der Krankenstation der 25jährigen Friederike in die Wohnung Kerners – der Arzt und Schriftsteller ist zu diesem Zeitpunkt 41 Jahre alt – ergibt für Daiber eine „exemplarisch[...] romantische[...] Konstellation“. Denn mit dem Wechsel der Krankenstätte tritt auch ein weiterer Verschiebungsprozess ein: Kerners Versuche der Heilung Hauffes werden zusehends durch Versuche, über das Medium Kontakt mit der Geisterwelt aufzunehmen und damit mit dem eigenen Dämon in Kontakt zu treten, ersetzt.

Kerners okkultistische Bestrebungen scheitern. Das Verhältnis zwischen Arzt und Patientin zerfällt. Im Gedicht „Der Wanderer in der Sägemühle“, das Kerner mit 39 Jahren verfasst hat – die Literarisierung des Mittagsdämons tritt in diesem Kapitel hinter der biografischen Fallstudie zurück –, kündigt sich die Krise der Lebensmitte bei Justinus Kerner bereits an.

Die Fallstudien zu den Autoren des 20. Jahrhundert zeigen unterschiedliche Strategien zur Bewältigung beziehungsweise Verdrängung der Midlife-Crisis auf. Robert Musil ist im Frühjahr 1928, als 48jähriger, kaum zu mehr fähig, als um seinen Schreibtisch zu laufen und Kette zu rauchen. Die Arbeiten am „Mann ohne Eigenschaften“ stagnieren, Musil bringt mehrere Monate überhaupt kein einziges Wort zu Papier. Was als Schreibhemmung begann, steigert sich zu einer Existenzkrise. Dem Schwinden der Leibeskräfte versucht Musil aber gerade durch den Text, durch die Verbannung des Mittagsdämons in den Text, entgegen zu  wirken.

Ebenso soll in Ingeborg Bachmanns „Malina“ (1971) der Tod in den Text gebannt werden. Daiber folgt dem eingeschlagenen Muster, zeichnet die psychischen Zusammenbrüche Bachmanns im Zusammenhang mit ihrer Beziehung zum Schriftstellerkollegen Max Frisch nach und kommt zu dem Ergebnis, dass konsequenterweise nur der angstfreie Doppelgänger Malina den Roman vollenden könne, den Roman, der „vom Tod jener Schriftstellerin, die Malina schreibt“, erzählt.

Durs Grünbein macht der Verfall seines Körpers zu schaffen: „das Verrotten ist alles andere als die große Oper“. Die Untersuchung zu Grünbein ist in der Hinsicht aufschlussreich, da sich Daiber durch dessen schmales Oeuvre arbeitet und den Prozess, der zur Midlife-Crisis führt, anhand unterschiedlicher Textbeispiele exemplarisch darstellt. Doch auch in der Mitte seines Lebens hat Grünbein endgültig das verloren, wovor er im Grunde – und das zeigt Daiber – immer Angst hatte: den Glauben, dass der Tod durch das Schreiben abgewendet, der körperliche Verfall durch das Schreiben aufgehalten, der „Druck unter der uralten Taucherglocke zu reduzier[t]“ werden könne.

Am Ende bleibt der Wunsch, Jürgen Daiber möge seine Studie an anderen Autoren und deren Texten, wie etwa auch an Michel Houellebecq, weiterführen. Die fundierte und konsequente Auseinadersetzung mit seiner Fragestellung konnte in Daibers Buch durchwegs überzeugen. Die Heterogenität der einzelnen Ergebnisse macht die Lektüre zu einem spannenden Erlebnis, das durch das sprachliche Niveau des Autors einen nachhaltigen Lesegenuss mit sich bringt.

 

Jürgen Daiber: Der Mittagsdämon. Zur literarischen Phänomenologie der Krise der Lebensmitte.
Mentis Verlag, Paderborn 2006.
197 Seiten. 26,00 EUR.
ISBN 978-3-89785-443-7