Der „schwarze Tod“ als Urbild aller Seuchen

Klaus Bergdolt fasst den Siegeszug der schlimmsten Seuche der Menschheit und ihre Folgen kompakt zusammen

Von Christian H. Meier

Den „Schwarzen Tod“ der Jahre ab 1348 als größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte zu beschreiben – wie man bisweilen liest –, trifft aus historiografischer Sicht nicht unbedingt den Kern der Sache. Es mag aber der Verdeutlichung dienen, in welchen Dimensionen man sich die damalige Pestepidemie vorzustellen hat. Das massenhafte Sterben in weiten Teilen Europas erfasste alle Stände und Schichten.
Bis heute erschüttern die Schilderungen der damaligen Beobachter, die vom alltäglichen Leid und der Hilflosigkeit der Menschen künden, aber auch nebenbei den teilweisen Zerfall der öffentlichen Ordnung dokumentieren: „Im Juni, Juli und August starben [in Siena] so viele Menschen, daß sie, selbst gegen Entgelt, keiner mehr begraben wollte. Weder Freunde noch Verwandte noch ein Priester oder Bettelbruder gingen beim Begräbnis mit, und es wurde keine Messe mehr gehalten. Auch wer einem Verstorbenen nahegestanden hatte, mußte sterben. Man packte dann den Toten, ob Tag oder Nacht, und trug ihn zusammen mit zwei oder drei weiteren zur Kirche und begrub ihn, so gut es ging und wo es gerade möglich war und bedeckte ihn mit etwas Erde, damit die Hunde ihn nicht fraßen. [...] Und ich, Agnolo di Tura, genannt ‚der Dicke‘, begrub mit eigenen Händen meine fünf Kinder in einer Grube.“

Kein Lebensbereich blieb von der rasenden Allmacht des Todes unberührt. Mit oft genug widersprüchlichen Folgen: Die Geißlerzüge gerieten zum Symbol einer neuen Innerlichkeit und Frömmigkeit, während zugleich die Sucht nach Luxus und Müßiggang wuchs. Nicht weniger umwälzend waren die langfristigen Auswirkungen der Seuche. Der Bevölkerungsrückgang und eine strukturelle Wirtschaftskrise, das Sinken des Lebensstandards, die Verschärfung von Gesetzen und nicht zuletzt ein allgemeines Krisenempfinden lassen sich sicherlich nicht allein auf die Pest zurückführen, wären aber ohne sie jedoch in dieser Weise nicht denkbar gewesen.

Diesen und vielen weiteren Aspekten der Pestepidemie versucht Klaus Bergdolt in seiner Einführung „Die Pest. Geschichte des Schwarzen Todes“ gerecht zu werden. Bergdolt thematisiert die vielfältigen Formen des Umgangs mit dem Phänomen Pest und geht den Auswirkungen für Wirtschaft, Politik, Religion, Kultur und Mentalität der Zeit nach. Dabei konzentriert sich der Medizinhistoriker auf die Pandemie des 14. Jahrhunderts, die nicht nur weite Teile Europas verheerte, sondern auch im Vorderen Orient und in Zentralasien – wo ihr Ursprung vermutet wird – wütete.

Überraschend ist freilich, dass die engere Ereignisgeschichte dieser Zeit vergleichsweise knapp behandelt wird. Hatte Bergdolt in einem früheren Buch („Der Schwarze Tod in Europa. Die Große Pest und das Ende des Mittelalters“, München 1994) noch ausgiebig aus Quellen zitiert und die Wege der Pest durch Europa nachgezeichnet, stellt er in den meisten der 15 Kapitel nun Sachaspekte in den Vordergrund, die oftmals über das 14. Jahrhundert hinaus reichen. Dies tut er freilich fundiert, klar und, der Natur der Reihe gemäß, kompakt.

So schildert er die zeittypischen Reaktionen der medizinischen Autoritäten auf das Auftreten der Seuche. Dem aus der Antike überlieferten System gemäß interpretierten sie die Pest als Störung des Gleichgewichts der vier Körpersäfte. Hitze und Feuchtigkeit wurden als Verursacher der „Luftverpestung“ ausgemacht, was sich in einer Vielzahl zum Teil gegensätzlicher – und allesamt nutzloser – Erklärungen und Ratschläge niederschlug. Im berühmten Pariser Pestgutachten von 1348 etwa befand die medizinische Fakultät der Stadt, „daß die Konstellation der drei oberen Planeten Mars, Jupiter und Saturn für die Katastrophe von 1348 verantwortlich war, ferner eine Verdorbenheit der Luft, welche wie ein fauliger Apfel den anderen die Organe des Menschen – durch Einatmung oder Konsumierung verdorbener Speisen – zerstöre. Der Aderlaß wurde ebenso empfohlen wie alte Wundermittel, etwa der Theriak und Mithridat, die Bibernelle oder der sagenumwobene Bezoarstein.“ Die wahre Ursache – den Pesterreger, der durch den Pestfloh übertragen wird – entdeckte erst der französische Arzt Alexandre Yersin im Jahr 1894.

Ohne sich in Fachdiskussionen zu vertiefen, geht Bergdolt immer wieder auf offene Fragen ein. Vermehrte die Pest die obrigkeitlichen Kontrollmöglichkeiten, etwa durch die Einführung der Quarantäne in den italienischen Städten, oder führte sie zum Zusammenbruch der Verwaltung? Waren die religiösen Erklärungsmuster der Seuche beherrschend oder im Alltag irrelevant? Wie verhielten sich die Sterblichkeit in der Stadt und auf dem Land zueinander? Überhaupt die Zahlen: Klar ist, dass die Angaben in zeitgenössischen Berichten häufig unzuverlässig sind. Klar ist ebenso, dass die Opferzahlen sich in den einzelnen Ländern und Regionen stark unterschieden. Darüber hinaus ist vieles ungewiss und immer wieder Gegenstand von Debatten. Bergdolt neigt der traditionellen Sichtweise zu, wonach insgesamt etwa ein Drittel der Bevölkerung Europas umgekommen sein dürfte – also ungefähr 25 Millionen Menschen.

Selbst der Pestcharakter der Pest wurde in den letzten Jahren von manchen in Zweifel gezogen – ein anderer Krankheitserreger soll das damalige Sterben verursacht haben. Bergdolt macht klar, dass er von derartiger „retrospektiver Pestdiagnostik“ nicht viel hält: Sie erhitze nicht zuletzt deshalb die Gemüter, weil sichere Antworten unmöglich seien. Für interessanter hält er die Muster, die sich in den Reaktionen der Menschen zeigten und die sich zumindest teilweise über die Jahrhunderte hinweg erhalten hätten: „Daß Vernunft und Logik zu Zeiten existentieller Bedrohung in Gefühlen und Emotionen gewichtige Konkurrenten bekommen, ist, wie gerade die Pestgeschichte zeigt, ein urmenschliches Phänomen.“

Neben dieser grundsätzlichen Perspektive, die im Besonderen eben immer auch das Allgemeine sucht, machen vor allem die weiter ausgreifenden Kapitel Bergdolts kleine Einführung lesenswert, beispielsweise diejenigen über die Pest in Kunst und Literatur. Vieles geht verständlicherweise nicht über einen Überblickscharakter hinaus. Wer eine eingehendere und dennoch breit angelegte Auseinandersetzung mit der Geschichte der Pest sucht, dem sei ansonsten der von Mischa Meier herausgegebene Sammelband „Pest. Die Geschichte eines Menschheitstraumas“ (Stuttgart 2005) empfohlen.

 

Klaus Bergdolt: Die Pest. Geschichte des Schwarzen Todes.
Verlag C.H. Beck, München 2006.
127 Seiten. 7,90 EUR.
ISBN 978-3-406-53611-3