Kolumne

Die Promotion als Spiegelbild der Befindlichkeit

Von Daniela Arnold

Als ich meinen Familienmitgliedern nach meinen abgelegten Examina in Geschichte und Deutsch sowie der Magisterprüfung eröffnete, dass ich nun in mittelalterlicher Geschichte eine Doktorarbeit verfassen wolle, reichten die Reaktionen von „Kannst Du nicht mal was Richtiges machen?“ bis hin zu „Wozu brauchst Du das denn?“. Und wie es immer so ist, wenn man von einer Sache überzeugt ist, startet man seinerseits den Gegenangriff und es folgt eine Litanei an Begründungen für diese berufliche Wegentscheidung. Denn für viele Außenstehende sind die Geistes- und Sozialwissenschaften nach wie vor wenig greifbar. Früher konnten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch auf eine kulturelle Prägung verlassen, die Politik und Gesellschaft verband. Kaum jemand bestritt damals, dass das Studium vor allem geisteswissenschaftlicher Disziplinen per se sinnvoll sei. Die Zeiten haben sich geändert. Im 21. Jahrhundert muss Wissenschaft nützlich sein und dafür aus eigener Kraft den Beweis erbringen. So werden auch die Geistes- und Sozialwissenschaften mit der Frage konfrontiert, welchen Beitrag sie für die Gesellschaft leisten und ebenso müssen sie die Bedeutung und Qualität ihrer Forschung belegen. Sie sind stets damit konfrontiert, Ihre Existenzberechtigung zu begründen. Ebenso wie die geistes- und sozialwissenschaftlichen Institute in Zeiten der leeren Kassen und des großen Wettbewerbdrucks um ihr „Überleben“ kämpfen, so werden auch alle Doktorandinnen und Doktoranden mit vielen „Survivalfragen“ konfrontiert. An Gleichgesinnten mangelt es in Deutschland zumindest nicht. Die Anzahl des forschenden Nachwuchses steigt ebenso beständig, wie die Studentenzahl. Und das angesichts der Schwierigkeiten, die auf angehende Wissenschaftler zukommen. Stichpunkte: Finanzierung – Arbeitsmotivation - Zukunftsperspektiven

Da stellt sich spätestens bei Beginn der Promotion die Frage nach der Finanzierung des Projekts. Heutzutage sind Stipendien rar, viele Doktorandinnen und Doktoranden müssen arbeiten, um sich den „Luxus“ der Promotion leisten zu können. Sie führen gewissermaßen eine Parallelexistenz. Dabei handelt es sich bei dem Broterwerb meistens um Arbeit außerhalb des universitären Kontexts und keinesfalls um wissenschaftliche Stellen! Der Spagat zwischen Job und Promotion hat zur Folge, dass sich die Dauer des Dissertationsvorhabens oftmals verlängert. Drei bis fünf Jahre sind heutzutage keine Seltenheit mehr.

Über einen so langen Zeitraum fällt es einem nicht immer leicht, sich zu motivieren. Vielen sind die unzähligen Stunden nur all zu gut bekannt, die sie einsam in den Bibliotheken hinter Bücherbergen verbrachten, gegen ihren inneren Schweinehund kämpften, weil man das Gefühl bekommt, dass kein Ende in Sicht ist. Stunden, Tage und Wochen der Frustration sind für viele von uns nichts Unbekanntes. Doch die meisten von uns sind angetrieben von der Faszination, die eigenständiges Forschen ausübt, getrieben von der Idee, etwas Neues herauszufinden oder bereits bestehende Forschungsergebnisse zu revidieren.

So kämpft man sich über Jahre hinweg, die von Glücksmomenten und Frustration geprägt sind, bis zum schließlichen Ende. Die Dissertation wird eingereicht, es folgen die Disputation oder das Rigorosum, die Verleihung der   Urkunde und die Veröffentlichung. Und dann?

Die Chancen, eine Anstellung an der Universität zu bekommen, sind gering. Vielen ist außerdem eine Karriere an der Universität zu riskant und wenig erstrebenswert. Oftmals ist es so, dass nur derjenige, der die richtigen Personen zur richtigen Zeit hinter sich hat, die Chance auf eine Anstellung oder einen befristeten Arbeitsvertrag bekommt. Also was bleibt? In den vergangenen Jahren haben sich Geistes- und Sozialwissenschaftler immer neue Berufsfelder erobert. Sie arbeiten beispielsweise als Berater, Journalisten, Kuratoren und Angestellte bei Internationalen Organisationen.   Dabei – und um den Bogen wieder zu schließen, warum viele von uns dennoch den oftmals steinigen Werg der Promotion gehen – kann der Doktortitel in der Wirtschaft nach wie vor (mehr) Perspektiven eröffnen, vor allem in finanzieller Hinsicht. Dass dies auch ein Motivationsfaktor sein kann, ist nicht von der Hand zu weisen.

Gerade wegen der schwierigen Arbeitsmarktsituation hat unsere Wissenschaftler-generation erkannt, dass Vitamin „B“ das eine ist und schön für den, der es hat. Dem gegenüber steht das Networking , das ein echter Karriereschub sein kann. Wer es versteht, gekonnt Kontakte zu knüpfen, sinnvoll zu nutzen und kontinuierlich zu pflegen, profitiert davon in allen Lebensbereichen. Denn Beziehungen schaden nur dem, der keine hat. Ein intelligentes Beziehungsnetzwerk ist gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine hervorragende Möglichkeit, um sich Unterstützung aller Art zu holen und seiner Karriere – gerade auch für den außeruniversitären Arbeitsbereich – einen Schub zu geben. Denn die Phase des Promovierens ist nicht nur ein Arbeiten im Elfenbeinturm, vielmehr bietet sie auch Chancen in vielerlei Hinsicht.

In der April-Ausgabe von Artes Liberales werden wir uns deshalb ausführlich dem Bereich des Networkings widmen und ein breites Angebot an Artikeln und Rezensionen rund um dieses Thema präsentieren.