Grundlegendes neu gefasst

Joachim Bumkes Einführung in Hartmanns „Erec“

Von André Schwarz

Hartmanns „Erec“ ist zu Recht einer der Monolithen der Deutschen Literatur, unzählige Studien und Arbeiten haben sich mit dem wohl wirkungsmächstigsten Stoff der mittelhochdeutschen höfischen Literatur beschäftigt.   Der Stoff, seine Geschichte, seine Motivik sind ebenso wie die Poetik Hartmanns in nahezu erschöpfender Weise behandelt wurden, der „Erec“ ist Gegenstand jeder Einführung in die mittelhochdeutsche Epik.

Doch bei der Frage, was man den Studierenden beziehungsweise den Interessierten als Einführung in Hartmanns Roman anempfehlen soll, stößt man auf merkwürdige Grenzen. So groß die Fülle der Sekundärliteratur ist, so klein ist die Masse an brauchbaren und vor allem aktuellen Einleitungen. Forscht man ein wenig nach, so findet man lediglich einen erhellenden, aber nur knapp 30 Seiten langen  Aufsatz Volker Honemanns in „Germanistische Mediävistik“ (1999) und den verdienstvollen, doch nicht mehr taufrisch zu nennenden Band „Hartmann von Aue“ von Peter Wapnewski aus dem Jahr 1979.

Joachim Bumke, ehemaliger Professor für Mittelalterliche Literatur an der Universität Köln hat nun bei deGruyter nicht zuletzt für seine eigenen Seminare eine kurze Einführung in den „Erec“ vorgelegt, die seinesgleichen sucht.

Zwar ist das Werk Bumkes nur 175 Seiten stark, doch er führt den interessierten Leser kenntnisreich durch alle relevanten Fragestellungen und Probleme. Er beginnt mit einem kurzen Abriss über Hartmann selbst, versucht aus den spärlichen Daten über den Dichter dennoch ein brauchbares Bild zu zeichnen. Doch nicht nur die Informationen über Hartmann, auch die Überlieferungslage des „Erec“ ist nicht unproblematisch, da der Text lediglich im sogenannten „Ambraser Heldenbuch“ einigermaßen vollständig überliefert ist, dieser Text jedoch aus dem 16. Jahrhundert, mithin also über 300 Jahre nach der wahrscheinlichen Entstehung der Dichtung, datiert. Bumke fasst auch hier den Forschungsstand und die Erkenntnisse hieraus knapp, aber präzise zusammen.   Der größte Teil der Einführung beschäftigt sich mit der Analyse des Textes. Schnörkellos, erhellend und sorgfältig führt Joachim Bumke durch die Handlung, der Inhaltsbeschreibung folgt stets ein Vergleich mit der Vorlage Hartmanns, dem Roman „Erec et Enide“ des Franzosen Chretien de Troyes und dann folgend eine Analyse der Textes. Auf den ersten Blick eine etwas irritierende Anordnung, doch bietet diese Konstruktion den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass man schon bei der Rezeption des Inhaltes auf die – mal mehr, mal weniger relevanten – Unterschiede beziehungsweise Parallelen der beiden Dichtungen eingehen und diese für eine eigene Interpretation nutzbar machen kann. Die anschließende Analyse ist auch typographisch abgesetzt, so dass sich selbst der ungeübte Leser mühelos in den einzelnen Kapiteln zurechtfinden kann. Bumke lehnt sich mit seiner Gliederung der Inhaltsanalyse an die Abschnitte des Hartmann'schen Werkes an: Vom doppelten Schönheitspreis (die Jagd am Artushof und der Sperberkampf, in dessen Vorfeld Erec auf Enite trifft) über die anschließende Hochzeit zwischen Erec und Enite und das verligen am Hofe hin zur ersten aventiure -Reihe reichen die ersten drei Abschnitte. Die zweite Hälfte bilden die zweite aventiuren -Reihe, die Episode Joie de la curt und der Abschluss am Artushof beziehungsweise in Karnant.

Einblicke in den aktuellen Forschungsstand bietet Bumke auch in den folgenden Kapiteln, in denen er sich der Hauptrichtungen der „Erec“-Forschung widmet, der Bauform des Stoffes, Hartmanns Poetik, dem Wechsel der Erzählstile, den Quellen Hartmanns und Chretiens. Besonders erhellend und auch für den fortgeschrittenen Mediävisten nicht uninteressant sind seine Kapitel zur Konstruktion des Paares und zur Thematik des „Reden und Schweigen“, eines der zentralen Motive des Erec, in denen er auf denkbar kleinem Raum eine erstaunlich umfassende Darstellung bietet.

Abgeschlossen wird die Einführung durch eine recht umfangreiche Bibliografie, die die wichtigsten Forschungstexte der jüngeren Vergangenheit versammelt und ein kurzes, aber gut nutzbares Register.

Bumke hat mit einem Schlag und scheinbar mühelos ein neues Standardwerk geschaffen, das nicht nur seinen Zweck hervorragend erfüllt, sondern das auch in jede germanistische Handbibliothek gehört.

Joachim Bumke: Der „Erec“ Hartmanns von Aue. Eine Einführung.
Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2006
175 Seiten, 16,95 EUR
ISBN 978-3-11-018979-7