Die Triebfeder des Kampfes

Über Paul Ricoeurs „Wege der Anerkennung“

Von Jan Heider

Ausgehend von dem Erstaunen, dass die Philosophie bisher keine konsistente Theorie der Anerkennung erarbeitet hat – ganz im Gegensatz zu den elaborierten und vielmals durchdachten Theorien des Erkennens, und die Befeuerung dieses Erstaunens durch die lexikalische Breite des (französischen) Begriffs der Anerkennung – unternimmt Paul Ricoeur in seinem letzten Werk den Versuch, die verschiedenen sich um die Anerkennung drehenden  „Denkereignisse“ in der (Sozial-) Philosophiein eine systematische Reihe zu bringen.
Der französische Begriff der Anerkennung – reconnaissance – umfasst in seiner lexikalischen Darlegung, die Ricoeur zwei renommierten französischen Lexika entnimmt, ein ganzes Spektrum von über zwanzig Bedeutungen. Diese umfassende semantische Fülle – die Polysemie der Alltagssprache – möchte Ricoeur systematisch betrachten und dabei die bloße lexikalische Aneinanderreihung mit einer Logik versehen. Er möchte die in der Alltagssprache zu findenden Konnotationen demnach philosophisch rückbinden an eine phänomenologisch zu erarbeitende Analyse der reconnaissance. Diese soll die hinter der umgangssprachlichen Auffächerung des Begriffs liegenden Philosopheme, also die Hauptachsen der reconnaissance, zu Tage fördern.
Für die Verbindung der verschiedenen Bedeutungen erscheint Ricoeur der Umschlag von einem aktiven (An-)Erkennen zum passiven Anerkannt-Werden zentral. Dem Verlauf dieser Verschiebung, der in der Dankbarkeit des Anerkannt-Werdens gipfelt, geht er in drei Kapiteln nach, die auf drei Vorträgen im Wiener „Institut für die Wissenschaften vom Menschen“ basieren. Sie behandeln jeweils die zentralen Philosopheme, die den Anerkennungsbegriff einfangen.
Zum einen das (Wieder-)Erkennen, dem er mit Bezug auf Descartes, Kant und Bergson nachgeht, zweitens dem Sich-Selbst-Erkennen, welches er mittels eigener Überlegungen und einem Rekurs auf die griechische Philosophie und die Dramen von Sophokles und Homer erläutert schließlich das wechselseitige Anerkennen, welches er mit Hilfe von Hegel und Honneth kommentiert.
Ricoeur weist darauf hin, inwiefern die Erkenntnistheorien von Descartes, Kant und Bergson für diese Zwecke unvollständig bleiben müssen, da sie die Eigenheit des Erkannten vernachlässigen. Ob Ding, Tier, Mensch oder Idee – für den Erkenntnisakt spielt das keine Rolle. Stets steht ein erkennendes Subjekt einem erkannten Objekt gegenüber. Erst Hegel überwindet dieses Denken durch die Einführung der Anerkennung, also dem Aufzeigen eines kategorialen Unterschieds zwischen dem Erkennen eines Dinges und dem (An-)Erkennen eines Menschen, einer Person, eines Subjektes – also eines Mit-Erkennenden. Im Zuge des Sich-Selbst-Erkennens und schließlich bei der wechselseitigen Anerkennung muss – wie Ricoeur zeigt – mit einem zweiten Subjekt, einem zweiten „Ich“ gerechnet werden, um diese Momente zu erfassen. Denn das Erkennen der eigenen Person geschieht über spezifische Handlungsfähigkeiten, die vor und von anderen bezeugt werden. Wechselseitige Anerkennung wiederum realisiert sich in der Wahrnehmung und Würdigung des anderen als ein anderes Ich, als ein „alter ego im analogischen Sinne des Wortes“.
Abseits seines Hauptthemas schneidet der am 20. Mai 2005 verstorbene Ricoeur zahlreiche zentrale Themen seines Denkens an, die jeweils eines eigenen Buches würdig gewesen wären und greift Fragestellungen aus früheren Veröffentlichungen auf. Allerdings werden diese überaus interessanten Ansätze nur flüchtig verfolgt, der Eigenwert der jeweiligen Argumentation ist nicht immer gänzlich entschlüsselbar, Gedanken bleiben des öfteren unabgeschlossen liegen, da Ricoeur bereits wieder einem neuen Gedankengang folgt, bevor der vorherige befriedigend beendet wurde.
Doch für den kundigen Leser muss dies kein Nachteil sein, denn das Buch gibt zahlreiche Denkansätze an die Hand, die selbstständig weitergeführt werden können. Es reizt so zu einer zweiten Lektüre, die Ricoeur im Nachwort selbst empfiehlt, indem er Wege aufzeigt, das Buch unter anderen Blickwinkeln erneut zu lesen.
Zweifelhaft bleibt allerdings bis zum Schluss, ob die Schirmherrschaft des Begriffs  reconnaissance eine sinnvolle Klammer darstellt. Der rote Faden der Ausführungen droht im verästelten Gang der Erörterung verloren zu gehen. Dem beugt Ricoeur zwar durch zahlreiche Resümees und ein ausführliches Nachwort vor, allerdings spricht die Häufigkeit der Explizit-Machung der Strukturlogik gerade dafür, dass sie sich eben nicht von selbst versteht. Der französische Begriff reconnaissance gibt in seiner alltäglichen Bedeutungsspanne unter Umständen eine Einheit vor, die sich systematisch nicht nachvollziehen lässt. Letztlich stellt auch Ricoeur fest, (nur) eine geregelte Polysemie der Anerkennung geleistet zu haben. Es wurde keine Theorie der Anerkennung entworfen, sondern, wie schon der Titel andeutet, Wege der Anerkennung begangen. Dadurch droht allerdings auch das spannungsvolle Verhältnis zwischen „erkennen“ und „anerkennen“, das beispielsweise Honneth in seinen jüngsten Publikationen entschlüsselt, verloren zu gehen.
Doch abgesehen von diesen Schwierigkeiten hat das Buch auch uneingeschränkte Qualitäten, wie vor allem das Schlusskapitel belegt. Dort wird dem „Kampf um Anerkennung“, wie ihn Honneth theoretisch analysiert, die eigentliche Triebfeder allen Kampfes entgegengestellt: Die Friedenszustände. Momente, in denen das Individuum sich anerkannt fühlt. Quasi die erlebte „Fülle“ geglückter Anerkennung, von der her sich der Kampf um diese erst erklärt. Würde Anerkennung stets nur im Kampf um ein „mehr“, also um ein umfassenderes Anerkannt-Werden stecken bleiben, liefe dies auf eine negative Unendlichkeit hinaus. Eine unstillbare, nie zu einem Ende kommende Bewegung auf Grund eines Mangels. Ricoeur möchte demgegenüber die bedingungslose Gabe, Freundschaftsbekundungen und ähnliches in den Vordergrund rücken – sind solche Friedenszustände gelungener Anerkennung doch Ziel und Grund aller Kämpfe. Auch wenn sie bisweilen lediglich wie kurze Unterbrechungen des Kampfes anmuten
Anerkennung positiv zu begreifen und nicht nur als Abwesenheit von Demütigung, Missachtung und Entrechtung zu bestimmen, ist somit Ricoeurs wesentliches Anliegen am Ende seiner weit reichenden Überlegungen.

 

Paul Ricoeur: Wege der Anerkennung. Erkennen, Wiedererkennen, Anerkanntsein.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2006.
350 Seiten, 26,90 EUR.
ISBN 978-3-518-58457-6