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Von Christina Heiser Seit den 20er Jahren haben Filmkritiker immer wieder die Neigung des Spielfilms zum Kitsch und Klischee, zu formelhaft, wiederkehrenden Bildern und zu konventionellen Erzählmustern bemängelt. Jörg Schweinitz zeichnet in seiner umfassenden Untersuchung nicht nur die sich durch das gesamte 20. Jahrhundert ziehende vehemente sowie ambivalente Debatte um das Stereotyp im Film nach, sondern deckt dabei ebenso die wesentlichen Facetten der filmischen Stereotypik auf. Denn der Film, den Schweinitz als eine Art „Schrittmacher“ im kulturellen Umgang mit dem Stereotyp sieht, präsentiere insbesondere den praktischen Umgang mit Stereotypen, so dass sich, laut Schweinitz, eine Weiterentwicklung der Stereotypik besonders gut am Beispiel des Films aufzeigen lässt. Im ersten Teil des Buches versucht Jörg Schweinitz den Begriff „Stereotyp“ theoretisch genauer zu bestimmen und greift dabei auf die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Diskurse des Terminus zurück. So legt er dar, dass das Stereotyp in der Psychologie als die formelhafte Vorstellung über Menschen verstanden wird. Die Linguistik fasse unter dem Begriff dagegen rekurente sprachliche Wendungen, die einen konventionellen Charakter erlangt haben, wohingegen die Literaturwissenschaft darunter konventionelle Mustern im Text verstehe. Daraus schließt Schweinitz auf vier grundlegende Facetten des Stereotyp-Begriffes: 1. Schema, Reduktionismus und Stabilität 2. Automatismus und Konventionalisierung 3. Verzerrung und Verlust 4. Hintergrund für Differenzen. Daran anschließend geht er auf die spezifische Bedeutung des Begriffs für den Film ein und legt dar, auf welche Weise sich Tendenzen der Stereotypisierung im Film zeigen und wie das auf einzelnen Strukturebenen des Films aussieht. Dabei untersucht er die Aspekte des Schauspiels, des Bilds, der Figurenkonstellation und der Handlungswelt näher. Wie Schweinitz schließlich zusammenfasst, sind Stereotype funktionale Größen, die jede Form von Kognition und Kommunikation kennzeichnen. Das Stereotyp findet sich damit überall und kann als Instanz des Gleichgewichts oder Faktor funktionaler Vermittlung dienen. Da Stereotype jedoch auch Komplexitäten reduzieren und konventionalisieren, besitzen sie ebenso eine Kehrseite, welche insbesondere bei der Verschiebung von Kontexten oder beim Verschleiß der Muster deutlich würde. Das filmische Stereotyp würde dabei insbesondere einen Beitrag zur Koordinierung des Inhalts und der Form für eine breite Rezipientenschicht leisten. Die imaginären Welten, in denen sich das Kinopublikum überwiegend bewegt, würden hauptsächlich durch konventionell gewordenen, automatisierten Wiederholungsformen geprägt. Insbesondere in Genrefilmen kehren ähnlich angelegten Figurentypen und stereotype Handlungselemente immer wieder. Des weiteren würden Stereotype die Wünsche und Bedürfnisse sowie die Rezeptionsgewohnheiten von große Zielgruppen miteinander verbinden und somit zur wirtschaftliche Effizienz des kommerziellen Spielfilms beitragen. „Das Recycling abgenutzter Formen“, um größere Zuschauergruppen anzusprechen, sei für das postmoderne Kino daher von essentieller Bedeutung. (S. 244) Filmemacher würde jedoch oft versuchen, neben dem Bestreben die Stereotypenwelt anzuwenden, eine partielle Souveränität gegenüber diesen Mustern zu erlangen. Filme führen damit mehr oder weniger ausgeprägte kritische oder ironische oder verklärende Diskurse über das Stereotyp. Damit zeichnen sich drei grundlegende Tendenzen des filmtheorethischen Denkens und des praktischen Umgangs mit Stereotypen im Film ab: Die radikale Kritik und Verweigerung, die individuelle Aneignung sowie die lustvolle Offenlegung Im zweiten Teil wird daher der intellektuelle filmtheorethische Diskurs über die Stereotypik des populären Films nachgezeichnet. Dazu gehört der, in den 20er Jahren von Hugo Münsterberg und Béla Balázs vertretene, utopische Glaube an das Kino als neue visuelle Kunstform, welche die Konventionalität der Sprach- und Schriftkultur überwinden könne. Gegen Ende der 30er Jahre wich diese Euphorie dann der fundamentalen Kritik der klassischen deutschen Filmtheorie, die sich mit Autoren wie Rudolf Arnheim, Theodor W. Adorno oder René Fülöp-Miller gegen alles Konventionelle wand. In den späten 60er Jahren proklamierten Autoren wie Susan Sontag oder Peter Schneider dann eine Verklärung des Gewöhnlichen, des Kitsches und damit auch des Stereotyps. Im Zuge dieser postmodernen Wende im Umgang mit Stereotypen betont Schweinitz insbesondere die Momente der Differenzierung und der Entfernung vom Stereotyp, welche sich in einem Aufdecken stereotyper Lebenswelten und einer gleichzeitigen Freude an diesem Durchschauen ausdrücke. Schweinitz spricht dabei von einer „doppelten Tonlage des Uneigentlichen“, die zwischen Ironie und Verklärung der Spielmuster schweben würde. Sie erlaube einerseits, die eigene Bewusstheit über das Stereotyp nicht zu unterschreiten und gleichzeitig dennoch eine „naive Lust“ am direkten Genuss des Stereotyps zu empfinden. (S. 234) Das Stereotyp erscheint somit als eine Dauerherausforderung im Film, nicht nur für Theoretiker, sondern auch für Filmemacher und Zuschauer. Im dritten Teil folgen schließlich zwei Fallstudien zu drei Filmen, welche ihrerseits Diskurse über Stereotype des Films im Film führen. Anhand der Analysen von „McCabe And Mrs. Miller“ und „Buffalo Bill And The Indians“ von Robert Altman sowie „The Hudsucker Proxy“ von den Coen-Brüdern deckt Schweinitz zwei grundlegende Varianten des reflexiven filmischen Umgangs mit Stereotypen auf – einmal die kritische Dekonstruktion des stereotypen Westernbildes in den Filmen Altmans und schließlich die lustvolle Verklärung stereotyper Gesten anhand des Schauspiels von Jennifer Jason Leigh in „The Hudsucker Proxy“. Jörg Schweinitz hat damit die längst überfällige Geschichte eines Mediendiskurses nachgezeichnet, der gerade heute für den gesamten kulturellen Bereich von allgemeinem Interesse ist. Durch die ständige Präsenz multiplizierender Medien-Kanäle wie Fernsehen, DVD oder Internet bleibt in unserer aktuellen multimedialen Gesellschaft keine Idee, keine Struktur, die einmal gut angekommen ist, ohne eine lange Kette von Nachfolgern. Wie Schweinitz deutlich macht, werden so selbst nichtfiktionalen Phänomene, wie beispielsweise Medienbilder von Katastrophen oder Terroranschlägen in jene endlose Kette medialer Wiederholungen aufgenommen, bis hin zu deren fiktionalisierter Nachbereitung. „Meist geht diese Praxis bis hin zum kompletten Verschleiß der ursprünglichen Emotionalität. Das ist ein Mechanismus, der (vor allem in der späten Phase) auch die Stereotypisierung fiktionaler Strukturen kennzeichnet. Einst aufwühlenden Bilder verwandeln sich dabei in bloße semantische Signale, die nur noch zeichenhaft und seltsam abstrahiert – wie Hieroglyphen – auf den Vorgang verweisen, wobei das Zitat von Bruchstücken hinreicht.“ (S. XII) Jörg Schweinitz legt damit nicht nur die Geschichte des theorethischen Diskurses um den Stereotyp-Begriff ungemein ausführlich dar und deckt die Bedeutung dieser Diskussion für unsere aktuelle multimedial vernetzte Massenkultur auf, sondern präsentiert auch eine umfassende Untersuchung des Stereotyps im Film und zeigt so die Möglichkeiten des reflektierten Umgangs mit diesem auf. Damit bleibt kaum Raum für konstruktive Kritik an diesem außergewöhnlich detaillierten und tief greifenden Buch. Lediglich die Auswahl sowie Anzahl der näher analysierten Filmbeispiele kann man aufgrund deren mangelnde Aktualität kritisieren. Gerade da stereotype Bilder besonders stark in den Blockbustern Hollywoods wirken, wäre die Analyse eines solchen Mainstream-Films durchaus interessant gewesen. Des Weiteren hätte ein Ausblick auf die weitere Entwicklung und den kreativen Umgang aktueller Filmemacher mit Stereotypen das Buch perfekt abgerundet. Im Großen und Ganzen ist der überwiegende theoretische Teil des Buches jedoch so exzellent verfasst, dass dieser über die etwas zu knapp geratenen Filmanalysen bei weitem hinwegtröstet und das Buch somit jedem am aktuellen medienwissenschaftlichen Diskurs Interessierten zu empfehlen ist.
Jörg Schweinitz: Film und Stereotyp. Eine Herausforderung für das Kino und die Filmtheorie. Zur Geschichte eines Mediendiskurses. |