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Von Waldemar Kesler
Der Band „Soziale Milieus und Wandel der Sozialstruktur“ vereint Aufsätze, die der „typenbildenden Mentalitäts- und Milieuanalyse“ verpflichtet sind, die insbesondere von Michael Vester entwickelt wurde. Die Autoren der Beiträge betrachten soziale Gruppen nicht als blinde Träger objektiver Strukturen, die etwa durch ihre ökonomische Lage oder ihre berufliche Stellung determiniert sind. Aus einer verstehenden Perspektive heraus berücksichtigen sie die Erfahrungsdimension der Akteure, um begreifen zu können, welche spezifischen Arrangements von ihnen im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen getroffen werden, um ihre bisherigen Lebensweisen den äußeren Handlungsbedingungen anzupassen. Die zentrale Frage des Bandes ist also, wie die gegenwärtigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auf die sozialen Milieus wirken.
Um eine Orientierung dazu zu geben, welchen Standort die Milieutheorie innerhalb der Sozialstrukturanalyse einnimmt, ist ein Aufsatz von Peter von Oertzen in eine grundlegende Position gerückt worden. In seinem zu Beginn der 1990er-Jahre verfassten Text setzt er an einer Leerstelle des Marx’schen Klassenkonzeptes an und fragt, unter welchen Bedingungen Klassen politisch aktiv oder inaktiv werden. Mit Theodor Geiger sieht Oertzen durch die alltagsgeprägte Mentalität eine Differenz zwischen objektiver Klassenlage und subjektivem Handeln. Dies führt ihn zu Edward P. Thompsons Feststellung, dass Klassenbewusstsein eine Form der Verarbeitung von Klassenlagen und nicht per se bereits in den Klassen angelegt ist. Das Konzept des „sozialen Milieus“ ermögliche es, den politisch handelnden kollektiven Akteur empirisch zu verorten. Reale historische Subjekte konstituierten sich nämlich permanent selbst in geschichtlichen Anpassungsprozessen.
In einem ersten Kapitel wird der Milieuansatz auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene verhandelt. Peter A. Berger setzt sich mit der Frage auseinander, ob Milieu- und Lebensstilansätze die Analyse einer in Zukunft stärker „wissensgesellschaftlich“ geprägten Sozialstruktur bereichern könnte. Bisherige Konzepte von Informations- und Wissensgesellschaften hätten die Möglichkeit von vorhandenen Klassenstrukturen nicht beziehungsweise kaum berücksichtigt, so dass bislang übersehen wurde, dass Milieus nicht nur auf ungleichen Kompetenzen beruhen, sondern diese zugleich auch erzeugen. Untersuchungen sozialer Ungleichheit müssten von daher auch immer die Entstehungszusammenhänge der Milieus im Blick behalten. Gegen die Beck’sche Individualisierungsthese, mit der die Auffassung einer Auflösung der Bedeutung von Klassen- und Schichten einhergeht, demonstrieren Rainer Geißler und Sonja Weber-Menges, dass die Akteure in ihrer Alltagswelt weiterhin Ungleichheit wahrnehmen und so keineswegs die Entstehung einer entschichteten und entstrukturierten Gesellschaft naheliegt.
Helmut Bremer betrachtet in einem Abschnitt, der sich dem „kulturellen Kapital“ und dem wachsenden Einfluss der Bildung auf die soziale Lage widmet, die Weiterbildung als einen Bereich, in dem eine um sich greifende Selbstverantwortungspropaganda besonders spürbar wird. Der Forderung nach einem „lebenslangen Lernen“ nachzukommen, führe allerdings nicht zu einer Aufhebung, sondern zu einer Verschärfung von Ungleichheiten, indem von der Selektivität durch Weiterbildung ausschließlich bereits privilegierte soziale Gruppen profitieren. Die Hybris des neuen Bildungsleitbildes („Nur wer sich ständig bildet, wird den Anforderungen der modernen Welt gerecht“) entspricht demnach der habitusspezifischen Lebensführung oberer Milieus, die damit ein altes Distinktionsmuster in einem neuen Gewand zu verbreiten versuchen.
Ein weiterer Teil greift das Thema der sozialen Anerkennung auf und stellt dar, wie mittlere und untere soziale Milieus auf gesellschaftliche Wandlungsprozesse reagieren, in denen sie abhängig von vorhandenen Ressourcen und ihrer sozialen Situation jeweils unterschiedlich Deklassierungsgefahren abwehren müssen und sich um die Erlangung oder Erhaltung von Respektabilität bemühen. Olaf Groh-Samberg untersucht in diesem Zusammenhang die Auswirkung der Deindustrialisierung auf das Arbeitermilieu: Während besser qualifizierten Arbeitern einige Mobilitätswege offen stehen, stehen etwa angelernte Arbeiter der Gefahr einer „Re-Prekarisierung“ und damit überwunden geglaubten sozialen Risiken ausgesetzt. Die drohende Marginalisierung dieser Arbeiterschaft erhält durch den völligen Mangel an politischer Repräsentation eine alarmierende Brisanz.
Abschließend geht es um die Bedeutung milieuspezifischer Unterschiede in den Lebensweisen für das Zusammenleben im Alltag. Gisela Wiebke hat die empirischen Ähnlichkeiten und Unterschiede in den Lebensweisen von deutschen und türkischen Jugendlichen in den Blick genommen und sie im Kontext der Problematik diskutiert, welche Rolle die Ethnie bei sozialer Ungleichheit spielt. Zwei Beiträge, die innerhalb der Untersuchung „Kirche und Milieu“ entstanden sind, gehen der Überlegung nach, wie eine vom so genannten Bindungsverlust betroffene Institution wieder mehr Milieunähe herstellen könnte.
Glücklicherweise nehmen solche, zudem nicht-soziologischen, Partikulärinteressen nur den äußersten Rand des besprochenen Bandes ein. In seiner Breite gibt er einen sehr guten Überblick über die dem hannoverschen Milieuansatz verschriebenen Forschungsrichtungen. Die besten Beiträge decken ideologische Inhalte auf, die etwa mit Theoremen wie der Individualisierungstheorie einhergehen. Uwe H. Bittlingsmayer und Ullrich Bauer verweigern ihr die Anerkennung als sozialwissenschaftliche Deskription und betrachten sie Funktion in einem „Klassenkampf von oben“: Der Erfolg der Eigenverantwortlichkeitsrhetorik im öffentlichen Raum bei einer gleichzeitigen Sozialdisziplinierung und zunehmenden Abhängigkeit von der milieuspezifischen Herkunft ist ein Ausdruck symbolischer Herrschaft. Insofern ist diese intermediär argumentierende Studie ein wichtiger Schritt gegen die Zurückhaltung der Sozialwissenschaften in der Kommentierung des hegemonialen Wandels der vergangenen Jahrzehnte. „Soziale Milieus und Wandel der Sozialstruktur“ greift also nicht allein konzeptionell und methodologisch auf Pierre Bourdieu zurück, sondern setzt auch seine gesellschaftlich engagierte Soziologie fort, um Gestaltungspotentiale freizusetzen.
Helmut Brenner, Andrea Lange-Vester (Hrsg.): Soziale Milieus und Wandel der Sozialstruktur. Die gesellschaftliche Herausforderungen und die Strategien der sozialen Gruppen
VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006.
420 Seiten, 34,90 EUR.
ISBN 978-3-531-14679-9
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