Parerga und Paralipomena zu „Der Gebrauch der Lüste“ und „Die Sorge um sich“

Die Foucault-Anthologie "Ästhetik der Existenz"

Von Waldemar Kesler

„Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren verfolge ich das Ziel, eine Geschichte der Wege zu skizzieren, auf denen Menschen in unserer Kultur Wissen über sich selbst erwerben: Ökonomie, Biologie, Psychiatrie, Medizin und Strafrecht. Dabei geht es nicht in erster Linie um den Wahrheitsgehalt dieses Wissens, sondern um die Analyse der so genannten Wissenschaften als hochspezifischer »Wahrheitsspiele« auf der Grundlage spezieller Techniken, welche die Menschen gebrauchen, um sich selbst zu verstehen.“
            „Ästhetik der Existenz“ ist nach „Schriften zur Literatur“ und „Analytik der Macht“ ein dritter Auswahlband bei Suhrkamp, in dem Abhandlungen, Vorträge und zahlreiche Interviews um eine Thematik herum versammelt werden. Er steht im Kontext der späten Analysen der antiken Selbstkünste und Selbsttechniken, die Foucault in seinem Programm einer genealogischen Geschichtsschreibung als Formgeschichte von Selbstverhältnissen konzipierte, in denen sich Individuen befinden. Während sich der erste Band der „Geschichte der Sexualität“, „Der Wille zum Wissen“ noch den Praktiken der Unterwerfung und Lenkung widmete, nehmen die beiden folgenden eine ästhetizistische Perspektive ein und richten den Blick auf die Praktiken der Befreiung und der Freiheit. Zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung 1984 wurden sie noch als Bruch mit den Positionen der macht- und subjektkritischen Schriften wahrgenommen. Die kritische Haltung gegenüber der Vorstellung eines souveränen, stiftenden Subjekts, einer Universalform von Subjektivität, bildet die vereinigende Klammer um diese disparaten Ansätze.
            Es ist die Kunst der Selbstbeherrschung, die Foucault bei dem antiken „Gebrauch der Lüste“ als Transformationsmodus untersucht, der auf einen grundsätzlich variablen Bezug zu sich selbst verweist: „[M]an muss begreifen, dass die Selbstbeziehung wie eine Praxis strukturiert ist, die ihre Modelle, ihre Konformitäten, ihre Varianten, aber auch ihre Schöpfungen hat“. Das Faszinosum, das dieses poietische Vermögen für Foucault ausgestrahlt hat, ist in diesem Band besonders deutlich dokumentiert. Die Idee einer Kunst des Lebens fungiert als Gegenentwurf zur Gegenwart, in der Kunst bloß ein spezialisierter Bereich von Experten ist und in keiner Beziehung zum Leben von Individuen steht. Ganz wie die Frühromantiker fragt er: „Aber könnte nicht das Leben eines jeden Individuums ein Kunstwerk sein?“ Die Äußerungen zur Lebenskunst sind ethisch motiviert, weil Foucault durch seine Abkehr von einem substantialisierten Subjektbegriff für die Möglichkeit eintritt, sich selbst zu objektivieren und im Rahmen von Praxisspielräumen zu gestalten.

           

Bei derartigen Anthologien ist immer die Frage, für welche Leserschaft sie geeignet sein soll. Für jemanden, der in Foucaults Denken noch nicht orientiert ist, werden die vermischten Texte über die iranische Revolution (der er keineswegs so naiv gegenüberstand, wie es oft dargestellt wird), den Sex der Psychoanalyse, das Schreiben über sich oder Leidenschaft nichts anderes als verwirrend und teilweise schlicht langweilig sein. In solchen Fällen sollte man je nach Bedarfs- und Interessenslage nach einem guten Überblicksband oder gleich zu den entsprechenden Primärwerken greifen. „Ästhetik der Existenz“ gibt aber bereits erprobten Foucault-Lesern ein schönes Bild von seiner Denkhaltung und wie diese sich im Verhältnis zum Leben äußert, wenn er den Selbstmord als Chance auf den absolut einzigartigen Augenblick angesichts eines versäumten Lebens beschreibt oder über die Möglichkeit einer homosexuellen Lebensform spricht: „Schwul sein heißt […] den Versuch zu machen, eine Lebensform zu definieren und zu entwickeln“. Hier formuliert sich sein Selbstverständnis als Denker vor seinem Tod und worin er die Aufgabe der Philosophie sieht: „Ich habe eben gesagt, die Philosophie sei eine Form des Nachdenkens über unser Verhältnis zur Wahrheit. Das wäre zu ergänzen […]. Ich glaube, es gab und gibt immer noch beträchtliche und vielfältige Bemühungen, die unser Verhältnis zur Wahrheit und zugleich auch unser Verhalten verändern. Und das im komplexen Zusammenwirken einer ganzen Reihe von Forschungen und einer ganzen Reihe sozialer Bewegungen. Genau das ist lebendige Philosophie.“

           

 

Michel Foucault: Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.. 2006.
346 Seiten, 13 EUR.
ISBN 978-3-518-29414-7