Von Alexander Kropp Lange Jahre war die wissenschaftliche Untersuchung von Kriegsgeschehen verschiedener Auseinandersetzungen in der Neuzeit stark auf den militärstrategischen beziehungsweise politischen Aspekt fokussiert. In den vergangenen Jahren hat – vor allem was den Ersten Weltkrieg anbetrifft – auch der mentalitätsgeschichtliche Hintergrund größere Aufmerksamkeit erfahren. Weitgehend ausgeblendet war in der deutschen Kriegshistoriografie bisher auch die sogenannte kulturelle Truppenbetreuung, das heißt wie die Soldaten unterhalten, kurz: „bei der Stange gehalten und motiviert wurden“. (Eine ersten, wenngleich noch schmalen Einblick unternahm Alexander Hirt in einem Aufsatz im Jahr 2000. Er beschäftigte sich darin gleichfalls mit der Truppenbetreuung und insbesondere der Finanzierung derselben. Vossler bezieht sich klar auf den Aufsatz Hirts, bescheinigt diesem, wohl zur Legitimation seiner eigenen Arbeit, einen „allzu engen Radius“. Vgl. Hirt, Alexander: Die deutsche Truppenbetreuung im Zweiten Weltkrieg: Konzeption, Organisation und Wirkung. In: Militärgeschichtliche Zeitschrift 59 (2000), S. 407 – 434). Frank Vossler hat sich in seiner ursprünglich als Dissertation entstandenen Schrift „Propaganda in die eigene Truppe“ mit der Truppenbetreuung in der deutschen Wehrmacht zwischen 1939 und 1945 beschäftigt, mit dem Anspruch, eine Gesamtschau der Aktivitäten vorzulegen. Die Arbeit konzentriert sich – so der Autor – „auf die Probleme der Organisation deutscher Truppenbetreuung im Zweiten Weltkrieg und […] auf ihre nicht selten divergierenden weltanschaulichen Zwecke und konkreten Ausrichtungen“ (12). Dass dieser Aspekt von großer Relevanz ist, zeigt allein die Tatsache, dass 18 Millionen Männer in der Wehrmacht unter Waffen standen und das System, das diesen „Querschnitt der (männlichen) Gesellschaft“ (11) zum Werkzeug der nationalsozialistischen Politik machen wollte, ein Interesse daran haben musste, diese Männer im harten Kriegsalltag zu motivieren. Klar war dabei, dass eine indoktrinäre Beeinflussung bei weitem nicht ausreichte, sondern der unterhaltende Aspekt einen bedeutenden Platz einnahm – ähnlich wie im Bereich des Films, wo ein Massenpublikum gerade in den letzten Kriegsjahren beispielsweise mit Operettenfilmen- oder Liebesschnulzen unterhalten wurde, denn mit ideologischen Durchhaltefilmen. Vossler betrachtet seinen Untersuchungsgegenstand unter zwei zentralen Blickwinkeln: Zunächst stehen institutionsgeschichtliche Betrachtungsweisen im erkenntnisleitenden Fokus. Der Autor stellt dabei die drei Hauptträger mit ihren Kompetenzen der Truppenbetreuung ab 1939 in ihrer durchaus komplexen Organisationsstruktur dar: Die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ (wohinter die Deutsche Arbeitsfront stand), das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) unter Joseph Goebbels und die Wehrmachtsführung selber, die eigene Propagandakompanien (Pks) bzw. Propaganda-Abteilungen einrichtete, welche relativ unabhängig vom RMVP in den besetzten Gebieten wirkten. Ein markantes Beispiel dafür stellt der Soldatensender Belgrad dar, der von der Propaganda-Abteilung „Südost“ der Wehrmacht verwaltet wurde. Jener Sender hatte das Lied „Lili Marleen“ ab 1941/42 (unbewusst) auf deutscher wie auch auf alliierter Seite zu dem Soldatenlied des Zweiten Weltkrieges schlechthin gemacht. Doch Goebbels missfiel das Lied angeblich wegen „Totengeruchs“, doch konnte er ein Verbot nicht dauerhaft durchsetzen, denn „,Lilie Marleen‘ Lale Andersens (stand) nach einer Pause wieder ‚vor der Kaserne, vor dem großen Tor‘, bis Oktober 1944.“ (S. 243) Vossler zeigt dabei deutlich auf, dass es trotz schriftlicher Vereinbarungen ein „polykratisches Kompetenzgerangel“ (12) gegeben habe, wie es die Forschung bereits für viele andere Bereiche des NS-Staates herausgearbeitet hat. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass jeder der drei Hauptträger ganz eigene Ziele und Intentionen verfolgte, die zwischen „bloßem Unterhalten“ und einer „straffen politisch-ideologischen Betreuung“ changierten. Der zweite Schwerpunkt gilt schließlich den einzelnen „Medien der Truppenbetreuung“ (191ff.). Hier beschreibt Vossler detailgenau die einzelnen „Instrumente“, die von speziellen Frontsoldaten-Büchern und Zeitschriften über die berühmten „Wunschkonzerte der Wehrmacht“ im Radio bis hin zu den Fronttheatergruppen reichten. Entgegen landläufigenr Meinungen kamen dabei allerdings eher Künstler der „zweiten und dritten Garnitur“ (300) zum Einsatz, da die bekannten Film- und Theaterstars für „Film und heimische Bühnen“ (299) benötigt wurden. Hervorzuheben ist, dass Vossler in diesem Zusammenhang auch „heiße Eisen“ wie sexuelle Bedürfnisse, die bei den Soldaten auch im harten Kriegsalltag keineswegs unwichtig waren, beziehungsweise Bordelle thematisiert, die es gerade in den besetzten Gebieten zuhauf gab. Diese wurden von der Wehrmachtsführung als „Verwaltungstatbestand“ betrachtet, dementsprechend organisatorisch behandelt und sie spielten eine nicht zu unterschätzende Rolle innerhalb der Truppenbetreuung. Vossler kommt abschließend in seiner quellengesättigten Darstellung zu der Erkenntnis, dass gerade die Truppenbetreuung einen wesentlichen Anteil an der Stärkung der Kampfmotivation der Soldaten hatte, denn die kulturelle Betreuung in den vielfältigen Formen bedeutete eine Kontinuität gewohnter Friedensstrukturen durch Transplantation in den Krieg. Besonders den Rundfunksendungen, allen voran das bereits erwähnte Wunschkonzert“, kam dabei eine exponierte Rolle zu, „da sie eine Bindung zwischen Heimat und Front zustande zu bringen schienen: Nur hier waren direkte Grüße von Zuhause an die Frontsoldaten, ein Austausch von Lebenszeichen möglich. Auch wurde die Akzeptanz des eigenen Kriegshandelns durch die Heimat vermittelt – wohl ein weiterer nicht zu unterschätzender Beitrag zur Motivationserhaltung“ (389). Formal gibt es allerdings kritisch zu bemerken, dass beispielsweise bei der Erstnennung von Literatur sofort ein etwas aussageloser Kurztitel zur Anwendung kommt, der ein mühsames Nachschauen im Literaturteil erforderlich macht. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund etwas unverständlich, da der Autor dem Leser in der ersten Fußnote eine ungewohnte, aber durchaus legitime Erläuterung formaler Anwendungen – wohl zur besseren Verständlichkeit – an die Hand gibt. Letztlich bleibt jedoch festzuhalten, dass Vossler einen wichtigen Beitrag zu diesem speziellen Thema geleistet hat, wenngleich an manchen Stellen gewisse analytische Vertiefungen der Arbeit noch mehr Gewicht verliehen hätten: So hätten die unterschiedlichen Zielsetzungen wie auch die Wirkungen der Truppenbetreuung noch etwas stärker akzentuiert werden können, während andere Aspekte zu vernachlässigen gewesen wären: Der von Vossler vorgenommene Vergleich mit der Truppenbetreuung in der britischen und amerikanischen Armee stellt eigentlich ein ganz eigenes, auch methodisch anders anzupackendes Thema dar, welches auf 20 Seiten – wie in diesem Fall – nicht ausreichend dargestellt werden kann, sondern bestenfalls an der Oberfläche kratzt. Zweifelsohne ist es aber das Verdienst Vosslers, durch seine Arbeit weitere Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet angestoßen zu haben.
Frank Vossler: Propaganda in die eigene Truppe. Die Truppenbetreuung in der Wehrmacht 1939-1945 |