Ungewöhnliche Dokumente mit tiefem Einblick

 

Die „Rückseite des Hakenkreuzes“ von Helmut und Beatrice Heiber versammelt skurrile NS-Quellen

Von Alexander Kropp

„[…] In dem offiziellen Ausstellungskatalog der Großen Deutschen Kunstausstellung 1941 wird unter ,Abbildungen‘ auf Seite 3 das ,Bildnis des Führers‘, danach auf Seite 4 ,Das Ende‘ gezeigt, auf dem ein Schiff, das ein hanseatisches sein kann, strandet. Es wird darauf hingewiesen, daß es nach dem Führerbild bestimmt ein geeigneteres Bild gegeben hätte, als ausgerechnet die Versinnbildlichung des Endes. […]“ (Quelle 113, Seite 95). Diese zu einem gewissen Schmunzeln verleitenden Zeilen schrieb die Reichspropagandaleitung der NSDAP im September 1941 an das Haus der Deutschen Kunst in München. Diese und viele andere, skurrile und makabre Quellen, die mitunter den ganz normalen „(Alltags)Wahnsinn“ im NS-Staat hervortreten lassen, hat der 2003 verstorbene Mitarbeiter am renommierten Münchener Institut für Zeitgeschichte, Helmut Heiber, zusammen mit seiner Tochter Beatrice bereits 1993 unter dem Titel „Die Rückseite des Hakenkreuzes“ herausgegeben, die nunmehr in 4. Auflage erneut herausgegeben wurde. Der Titel ist dabei nicht zufällig oder aus Marketinggründen gewählt, sondern drückt in Kombination mit dem Untertitel „Absonderliches aus den Akten des ,Dritten Reiches‘“ „Begegnungen der ungewöhnlichen Art“ aus, die der Historiker, der in Archiven nach brauchbarem Quellenmaterial für seine Studien sucht, durchaus erleben kann.

So haben beide Heibers eine Quellensammlung vorgelegt, die tiefe Einblicke in die alltäglichen, mitunter „abnormal“ anmutenden Begebenheiten des NS-Reiches gewähren: Untergliedert in die Großrubriken „Der ganz große Führer…“ (11-275) sowie „[…] und seine kleinen Führer“ (277-402) wird auf erschreckende Weise klar, wie (tödlich-) spießbürgerlich die NS-Chargen hantierten, wie „schleimende“ Unterwürfigkeit („An unseren heißgeliebten Führer […]“), Wichtigtuerei, Habgier, Eitelkeiten und Gemeinheiten zum alltäglichen Allerlei der NS-Dienststellen, allen voran die Reichskanzlei oder die Führeradjutantur, gehörten, wo ungezählte Briefe aus der Bevölkerung oder anderer staatlicher oder Parteidienststellen eingingen. Hier der Brief einer brandenburgischen Gemeinde, die im Oktober 1934 anfragte, ob sie ihre Glocke „Adolf-Hitler-Glocke“ nennen dürfe, was die Reichskanzlei in ihrer Antwort allerdings negativ beschied (Quelle 12 a, b, Seite 17f), dort ein Schreiben von Himmlers persönlichen Referenten Brandt an einen SS-Jugendschaftsführer im Sommer 1937, den er wissen ließ, dass Himmler der Überzeugung sei, dass „Christus kein Jude“ gewesen sei. Hintergrund hier war ein Schreiben jenes besagten Jugendschaftsführers an Himmler, in welchem er diesem anscheinend mitgeteilt hatte, dass auf einem sogenannten „Sippenabend“ seines SS-Sturmes diese Aussage gefallen sei. Brandt antwortete noch: „Sicherlich hast Du auf dem Sippenabend, den der Sturm 6/59 gehalten hat, den Redner falsch verstanden“ (zitiert   nach Quelle 443, Seite 305). All dies zeigt, wie banal das Böse sein konnte und mit welchen skurril anmutenden Themen sich die Parteiführer oder -dienststellen bzw. staatlichen Behörden beschäftigten.

Die Lektüre dieser Quellensammlung, die sicherlich einmalig in der Landschaft der Quellensammlungen der Neuzeit sein dürfte – einzig einige Quellensammlungen mit Dokumenten der DDR-Staatsführung können hier ähnliche Wertungen hervorrufen –   ist kurzweilig und äußerst aufschlussreich – wenngleich viele sachliche Angelegenheiten eingedenk der tödlichen Konsequenzen, die manche Taten dieser Verwaltungsangehörigen oder sogenannten „Schreibtischtätern“, deren Dokumente hier präsentiert werden, nach sich zogen, doch makaber anmuten.

Beatrice Heiber/Helmut Heiber (Hg.): Die Rückseite des Hakenkreuzes. Absonderliches aus den Akten des „Dritten Reiches“.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001.
413 Seiten, 12,50 EUR
ISBN: 3-423-30201-1