Talk, Talk, Talk

Caroline Jonas analysiert das sprachliche Verhalten von Moderatoren in Talk- und Quizshows

Von Anita Langenhorst

„Stellvertretend für den Zuschauer die richtigen Fragen stellen“ – so beschreibt Sabine Christiansen ihre Rolle als Fernsehmoderatorin. Was aus dem Mund der ARD-Talkerin beinahe profan klingt, scheint in Wirklichkeit eine Kunst für sich zu sein. Denn woher weiß ein Moderator eigentlich, wie man die richtigen Fragen stellt? Kann man diesbezüglich überhaupt pauschal zwischen richtig und falsch unterscheiden? Die Kommunikationstrainerin Caroline Jonas ist der Überzeugung, dass das Gesprächsverhalten von Moderatoren maßgeblich von bestimmten Komponenten, wie etwa. dem jeweiligen Genre und der Zielgruppe abhängt. In ihrer Dissertation, die 2006 beim Peter-Lang-Verlag erschienen ist, versucht sie dieser Fragestellung aus einer – für die Fernsehforschung bislang noch ungewohnten – sprachwissenschaftlichen Perspektive näher zu kommen. Zu diesem Zweck führt Jonas diskursanalytische Untersuchungen zahlreicher Talk- und Quizshows durch und trifft dabei auf ein Forschungsfeld, das von Linguisten bisher nur spärlich betrachtet worden ist.    

Welche Schwierigkeiten ein solches Vorhaben in sich birgt, zeigt sich bereits bei der Korpuszusammenstellung. Zu der konzeptionellen und strukturellen Heterogenität der beiden Untersuchungsgegenstände, kommt in diesem Fall noch die konzeptionelle und strukturelle Heterogenität innerhalb des Quizshow-Genres als erschwerender Faktor hinzu: Während die monothematischen Talk-Show-Formate aufgrund ihrer zahlreichen Ähnlichkeiten (zum Beispiel bezüglich der Themengestaltung, der Abläufe, der Gästeauswahl, des Gesprächsaufbaus, der Rollenverteilung und der Zielgruppenorientierung) einen idealen Untersuchungsgegenstand darstellen, ist der analytische Vergleich der Quizshow-Formate etwas schwieriger. Jonas schafft es jedoch, ihre Analysekategorien entsprechend anzupassen und den erschwerten Bedingungen gerecht zu werden. Die Tatsache, dass Jonas' Analyseergebnisse im Bereich des Genres Quizshow tatsächlich auch weniger deutlich ausfallen als die anderen, betrachtet sie selbst als mögliches Resultat der schlechteren Kommensurabilität. Der damit einhergehende – wahrscheinlich unbeabsichtigte – Nebeneffekt, nämlich das Aufzeigen des enormen Abhängigkeitsverhältnisses zwischen der jeweiligen Fragestellung und den Analysekategorien beziehungsweise den Auswahlkriterien für die Materialbasis, dient dem Leser vor allem in Hinblick auf eigene zukünftige Projekte.   

Das umfassend angelegte Korpus – bestehend aus elf verschiedenen Sendungen (davon sieben Talk- und vier Quizshows), die der Arbeit in transkribierter Form zu Grunde liegen – umfasst insgesamt 600 Seiten, die dem Leser aus ökonomischen Gründen aber nicht in voller Länge, sondern nur partiell an den jeweils relevanten Stellen zur Verfügung stehen. Etwas unglücklich erscheint dabei die Gestaltung der transkribierten Stellen innerhalb der Arbeit: Während kurze Ausschnitte in den Fließtext eingegliedert sind, werden längere Sendeausschnitte zusammen mit diversen Verweisen auf die Sekundärliteratur und Anmerkungen zum Text in der Fußnote wiedergegeben. In beiden Fällen wurde auf eine grafische Abhebung der transkribierten Stellen verzichtet, so dass es für den Leser etwas schwierig ist, diese auf Anhieb zu erkennen.

Bei der Wahl des analytischen Rahmens greift die Autorin auf die von Henne und Rehbock im Kontext der Gesprächsanalyse etablierten drei Gesprächsebenen (Makroebene, mittlere Ebene, Mikroebene) zurück. Dank dieser Dreiteilung kann sich die Analysierende dem Gespräch zunächst auf einer etwas oberflächlichen Ebene nähern und dann immer weiter ins Detail gehen. Ein Vorteil dieser Herangehensweise ist, dass diese Untersuchungsperspektive einen umfassenden Einblick in die Organisation der Talk- beziehungsweise Quizshowdialoge ermöglicht, ohne dass die Analyse dabei von der Komplexität einer Fernsehsendung und der Vielfalt an möglichen Analysekategorien überrannt wird. Um dem Leser die einzelnen Analyseschritte und deren Ergebnisse möglichst nachvollziehbar zu präsentieren, finden sich die drei Gesprächsebenen auch in der Struktur der Arbeit wieder. Die Autorin untersucht die ausgewählten Sendungen folglich zunächst auf der Makroebene: Zu diesem Zweck führt sie den Leser in die entsprechende Fachterminologie ein, gewährt ihm einen kurzen Einblick in die diesbezügliche Forschungsliteratur und präsentiert anschließend eine Gliederung der verschiedenen Sendungen in bestimmte Teilphasen. So ist es ihr möglich, einen Überblick über Gemeinsamkeiten und. Unterschiede bezüglich ausgewählter Strukturmerkmale zu schaffen und   somit genrespezifische Strukturmerkmale transparent zu machen.

Bei der diskursanalytischen Betrachtung auf der mittleren Gesprächsebene verfolgt die Autorin das Ziel, dem Leser einerseits eine ausführliche Beschreibung des Frageverhaltens der Moderatoren vorzulegen, um dann andererseits – unter Berücksichtigung der bisher erlangten Analyseergebnisse auf der Makroebene – Indizien für genrespezifische Verhaltensmuster zu erhalten. Nach einer kurzen Darlegung bereits existierender Fragekategorien aus der Forschungsliteratur erörtert Jonas die Wahl des methodischen Instrumentariums, bei dem sie sich vorwiegend an den sprachwissenschaftlichen Arbeiten von Hang und Linke orientiert. Die Arbeit von Linke hat für Jonas vor allem ein exemplarisches Nutzen, da der von Jonas ausgewählte Fragesignal-Katalog von Hang, bereits in Linkes diskursanalytischer Untersuchung zur Anwendung kam. Die eigentliche Analyse erfolgt in Form einer quantitativen Auswertung der jeweils vorkommenden Fragesignale. Dabei untersucht sie die Moderatorenfragen zunächst unter formal-syntaktischen Aspekten und anschließend unter inhaltlich-situativen Aspekten, um auf diese Weise mögliche Abhängigkeitsverhältnisse aufzudecken. Zwar ist das wissenschaftliche Einsetzen von quantitativen Analysemethoden aufgrund der ihnen vorgeworfenen Unzulänglichkeit in der Linguistik stark umstritten, aber in diesem Fall erhält die Autorin dabei die erwünschten Ergebnisse.   

Untersuchungen auf der Mikroebene dienen generell dazu, syntaktische, lexikalische und phonologisch- beziehungsweise prosodische Strukturen des Gesprächs im Detail zu beleuchten. Jonas geht es in diesem Fall speziell darum, anhand ihrer Materialbasis sendungstypische stilistische Varietäten nachzuweisen, mit dem Ziel, die Stilistik im Bereich Textsortenbeschreibung voranzutreiben. Dazu greift sie – zumindest oberflächlich – auf den Ansatz von Coseriu zurück, der mit seinem Modell des Diasystems, bei dem er drei einzelsprachliche Varietätendimensionen (diatopische, diastratische und diaphasische) unterscheidet,   die Sprachwissenschaft diesbezüglich maßgeblich geprägt hat. Auf das Heranziehen einschlägiger aktueller Forschungsliteratur im Bereich Stilistik wie etwa die textstilistischen Standardwerke von Sandig, verzichtet Jonas allerdings völlig. Bei der Auswertung des Moderatorenwortschatzes hinsichtlich der Anzahl der diasystematischen Markierungen innerhalb der Sprecherbeiträge verlässt sie sich auf die vom „Duden – Das große Wörterbuch der deutschen Sprache“ vorgenommenen Markierungen. Unbestreitbarer Vorteil dieser Maßstabwahl ist natürlich die enorme Anzahl der insgesamt verzeichneten Wörter, die somit eine gute Grundlage für die Überprüfung bildet. Der damit einhergehende Nachteil, nämlich der etwas statische Charakter eines Wörterbuchs, der dafür sorgt, dass die stilistischen Markierungen dem rasanten Wandel des Sprachgebrauchs nicht immer unmittelbar gerecht werden können, ist jedoch auch nicht vollends von der Hand zu weisen.   Hinzuzufügen ist außerdem, dass eine solche Auswertungsart, bei der die Wörter nur isoliert und nicht im sprachlichen Kontext betrachtet werden können, zwar durchaus den hier erwünschten Abgleich mit dem – vom „Verband Privater Rundfunk- und Telekommunikation e.V.“ und der „Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen“ herausgegebenen – Verhaltenskodex für Talkshows   ermöglicht, jedoch für die stilistische Textsortenbeschreibung nur wenig gewinnbringend zu sein scheint.

Die im Ausblick formulierten Abschlussworte – mit denen die Autorin nochmals auf das bislang ungenutzte Forschungspotential aufmerksam macht – weisen darauf hin, dass Caroline Jonas ihre Dissertation als einen wegweisenden Grundstein für weitere sprachwissenschaftliche Beschreibungen versteht. Dieser Einschätzung kann nur beigepflichtet werden: Ihre Ergebnisse bestätigen die anfänglich vermutete Existenz genrespezifischer Merkmale. Auch wenn die jeweiligen Einführungen in die theoretischen Grundlagen aufgrund des breiten Analysespektrums teilweise an der Oberfläche verweilen müssen und eine ausführlichere Diskussion der einschlägigen Forschungsliteratur an manchen Stellen nützlich wäre, ist es Jonas durchaus gelungen, einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des Gesprächsverhaltens von Moderatoren zu leisten.

Der fachkundige Leser erhält durch die Lektüre des Buches zahlreichen Anregungen, ob die Arbeit jedoch, so die anfangs geäußerte Hoffnung der Autorin, zukünftigen Moderatoren einen Wegweiser für ihre berufliche Entwicklung bietet, bleibt zweifelhaft.

Caroline Jonas: Das sprachliche Verhalten von Moderatoren in Talk- und Quizshows. Eine diskursanalytische Untersuchung zu Frageverhalten und Wortwahl.
Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2006.
183 Seiten. 39 EUR
ISBN 978-3-631-55084-7