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Von Christoph Meurer Die literaturwissenschaftliche Forschung, die sich dem Themengebiet der Migrationsliteratur annimmt, hat es nicht leicht. Sie sieht sich einem Begriff gegenübergestellt, der ein breites Definitions- und Assoziationsspektrum zulässt. Noch immer ist es der germanistischen Literaturwissenschaft nicht gelungen, eine klare und verbindliche Definition zu formulieren oder endgütig zu postulieren, dass dies unmöglich und somit unnötig ist. Dies zeigt auch der vorliegende Sammelband. Einen Schwerpunkt bildet dabei – auch in Anlehnung an den Tagungsort Prag – das deutsch-tschechische sowie das deutsch-rumänische Literaturverhältnis, weshalb sich ein nicht unwesentlicher Teil der Beiträge diesem Themenfeld widmet. So beleuchtet Milan Tvrdík in seinem Aufsatz den Autor Ota Filip im Wechselspiel zwischen deutschem und tschechischem Kulturkontext. Daneben widmet sich Kurt Krolop dem Lyriker Jirí Gruša, Anne Hultsch betrachtet das Problem der Übersetzung von Lyrik von einer in eine andere Sprache am Beispiel von Antonín Brousek und Alice Stašková beschreibt Poetik und Lyrik von Petr Král. Besonderer Beliebtheit erfreut sich die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Libuše Moniková. Diese steht im Zentrum verschiedener Beiträge, die sich der Autorin jeweils mit unterschiedlichen Prämissen zuwenden. So ist sie für Klaus Schenk zusammen mit Yoko Tawada Referenzpunkt um die Essayistik als Form der Migrationsliteratur zu charakterisieren, an welcher er interkulturelle literarische Strategien aufzeigt. Ein breites Spektrum verschiedener Motive schlägt sich in den anderen Aufsätzen, Moniková betreffend, nieder. Bei Dana Pfeiferová ist es das Motiv der Heimatlosigkeit, des Nomadentums, bei Antje Mansbrügge hingegen ein Motivkompendium bestehend aus Mörtel, Mund, Sprung und Fall. Lucia Koutková nähert sich Moniková durch das Motiv der Krankheit, Alena Mrázková über den Sisyphos-Mythos. Alfrun Kliems reflektiert kritisch Kategorisierungs- und Kanonisierungsprobleme am Beispiel tschechischer Autoren. Ansätze Der deutsch-rumänische Bereich wird durch die Beiträge von Patrice Neau (Auswanderungsbewegungen von rumäniendeutschen Autoren), Almut Todorow (Niederschlagung von Fremderfahrungen in sprachlicher Produktion und Textgestaltung bei Hertha Müller im Kontrast zu Emine Sevgi Özdamar und Yoko Tawada) sowie bei Noria Procopan, die sich mit dem Einfluss des rumänischen Surrealismus auf Paul Celan beschäftigt. Gerade dieser letzte Artikel verdeutlicht, wie sich der Migrationsliteraturbegriff als Anschluss an Exilliteratur in der Tagung niedergeschlagen hat. In diesem Zusammenhang sind auch die Beiträge von Sibylle Cramer (Nabokov im amerikanischen Exil) und Ulrich Schmid (New York als Exil für Soma Morgenstern, Oskar Maria Graf und Isaac Bashevis Singer) angesiedelt. Einen interessanten Themenbereich schneidet Daniel Rothenbühler an. Mit seinen Ausführungen zur Migrationsliteratur in der deutschsprachigen Schweiz öffnet er den Blickwinkel der germanistischen Literaturwissenschaft und verdeutlich, dass sich die Frage des Umgangs mit interkultureller (deutsprachiger) Literatur nicht nur in Deutschland stellt. In der Schweiz lassen sich ähnliche Entwicklungen ausmachen. Hierbei darf selbstverständlich die genuin sprachlich-hybride Situation der Schweiz nicht außer Acht gelassen werden. Literatur mit Migrationshintergrund hat hier mit ganz anderen Voraussetzungen umzugehen. Abgerundet wird der Tagungsband mit Aufsätzen zu Themen und Autoren, die man schon fast als Klassiker des Diskurses betrachten kann. Dirk Skiba analysiert detailliert die ‚Kanak Sprak’ von Feridun Zaimoglu, Uta Aifan liefert einen Überblick über den Umgang mit Orientstereotypen im Werk verschiedenen deutsch-arabischer Autoren, Harald Tanzer einen zur deutsch-türkischen Literatur sowie Gregor Reichelt eine Betrachtung des Werks von Rafik Schami und dessen Rezeption. Den Schlusspunkt bildet Karl Esselborn, welcher Intension und Konzeption des Adelbert-von-Chamisso-Preises erläutert. Wie bereits erwähnt, führen die Herausgeber des Bandes in ihrem Vorwort an, dass die Tagung unter der Prämisse stand Migrationsliteratur an Schriebweisen der Exilliteratur anzubinden. Dazu stellen sie aber auch anheim mit ihrer Definition des Themenbereichs an die Entwicklung der literarischen Moderne anknüpfen zu wollen. Migrationsliteratur wird hier einerseits mit einer literarisch-inhaltlichen Kategorie verbunden und andererseits in den Kontext einer Epoche gesetzt. Dies macht deutlich, welche Probleme das Paradigma der sogenannten Migrationsliteratur für eine Kategorisierung darstellt. Die Kernfrage was Migrationsliteratur eigentlich konkret ausmacht und ob es einen Kriterienkatalog dafür gibt oder jemals geben wird, können auch die Beiträge in diesem Band nicht zufrieden stellend beantworten. Hierzu bietet der Beitrag von Alfrun Kliems anregende Ansätze. Es drängt sich die Frage auf, ob der Überbau Migrationsliteratur überhaupt sinnvoll oder sogar hinderlich ist – interessante Ansätze dazu, die weiter verfolgt werden sollten, finden sich im Beitrag von Tanzer. Bei verschiedenen Beiträgen – hier können vor allem die Aufsätze von Procopan, Mansbrügge, Koutková oder Mrázková als Beispiel genannt werden – wird der Bezug zu Fragestellungen aus dem Bereich der Migrationsliteratur nicht immer zwingend deutlich oder erscheint zwanghaft aufgesetzt. Ein Sammelband, dem – wie dem hier vorliegenden – eine Fachtagung zugrunde liegt, kann durch die Auswahl der gedruckten Beiträge das Spektrum der vertretenen Ansichten veranschaulichen. Die Diskussionen, die sich im Anschluss an die Vorträge entfaltet haben könnten, bleiben dabei aber weitgehend außen vor, auch wenn es sich bei solchen Beiträgen oftmals um nach Tagungen überarbeitete handelt. Deshalb kann ein solcher Sammelband selbstredend immer nur die eine Hälfte einer Tagung wieder geben. Auch wenn der Fokus, wie bereits erwähnt, auf Tschechien liegt, wird deutlich, wie viele Ansatzpunkte die so bezeichneten Migrationsliteraten mit ihren Texten bieten. Hierbei sei aber die Frage erlaubt, ob das nicht bei allen Autoren und Texten der heutigen (globalisierten) Zeit der Fall ist und Migrationsliteratur nur eine Plakette darstellt, die es gedanklich abzustreifen gilt.
Migrationsliteratur. Schreibweisen einer interkulturellen Moderne. |