„Tantum religio potuit suadere malorum“

Genderforscherinnen um Christina von Braun untersuchen das Verhältnis von Gewalt, Religion und Geschlecht

Von Marion Näser

Nach Integrationsdebatten, Ehrenmorden und Kopftuchstreit, im Zuge des allseits konstatierten Bedeutungsgewinns der Religionen, haben nun auch Wissenschaftlerinnen um die Berliner Filmemacherin und Genderforscherin Christina von Braun einen Sammelband zum Thema „,Holy War‘ and Gender“ verfasst.

In elf Aufsätzen werden teils abstrakte Fragen der Konstruktion von Geschlecht in religiösen Systemen verhandelt, teils werden konkrete Ausflüsse religiöser Gewalt thematisiert. Dabei geht es erfreulicherweise nicht nur um den islamischen Djihad, sondern auch um christlich-jüdische Machtdiskurse und hinduistische Gewalt.

 

Christlich-jüdische Diskurse: Auserwählte Männlichkeit

Christina von Braun beschäftigt sich in „The Symbol of the Cross“ unter anderem mit der Geschichte des Kreuzes als Kultursymbol, speziell mit den Implikationen der Kreuzigung. Von Braun schildert den Kampf um männliche und weibliche Zuschreibungen des Blutes des Gekreuzigten und zeigt die erotischen Konnotationen des Leidens auf (etwa anhand der Flagellationsbewegungen). Die Passion symbolisiere die Überwindung von Körperlichkeit und Sterblichkeit mittels Selbstdisziplin. Etwas drastisch erscheint die daraus folgende These, das Kreuz verkörpere somit ein „Erektionswerkzeug“, das die Natur, symbolisiert durch den weiblichen Körper, entwaffnen könne (S. 69).

Mit den Ausschlussmechanismen des Alten Testamentes befassen sich Regina M. Schwartz („Holy Terror“) und Hannah Naveh („This Sex which is One“): Die von Schwartz herausgestellten Exklusionstendenzen werden von Naveh anhand der das patriarchale System naturalisierenden Konstruktion der Genealogien im Alten Testament konkretisiert.

 

Musliminnen zwischen Fundamentalismus und Selbstbestimmung

Nicht viel Neues bietet der Aufsatz „Religious-based Violence against Women, and Feminist Responses: Iran, Afghanistan and Algeria“ von Valentine M. Moghadam, die mit den bekannten Erklärungsmustern für die Gewalt islamistischer Bewegungen aufwartet (Kampf gegen die säkulare Moderne, den aufstrebenden Feminismus und die Globalisierung, hegemoniale Männlichkeiten). Interessant ist jedoch die Information über weibliche islamische Widerstandsbewegungen in allen drei Ländern, von denen man sonst wenig hört (Ziele sind unter anderem die Menschenrechte, Demokratisierung, soziale Entwicklung und Kampf gegen Fundamentalismus) und über den Weg des islamischen Feminismus, der sich um eine Reinterpretation des Koran bemüht.

Das andere Ende des Spektrums weiblicher Reaktionen auf den Fundamentalismus – die aktive Partizipation an Gewalt – wird von Friederike Pannewick („Tödliche Selbstopferung in der arabischen Literatur. Eine Frage von Macht und Ehre?“ dargestellt. Es wird deutlich, dass es Ehre im Kampf für islamische Frauen nur im Tod geben kann: während israelische Gefangenschaft für männliche palästinensische Jugendliche eine Art Männlichkeitsritus darstellt, wird sie bei Frauen ambivalent gewertet, da sie auch potentiellen Ehrverlust durch Körperkontakt mit fremden Männern bedeutet. Daher sind, so der Schluss der Autorin, eine Entmythisierung sowie demokratische und emanzipatorische Arbeit für die Region zentral.

Die heimische Auseinandersetzung mit dem Islam reflektiert Gabriele Dietze in „The Political Veil. Interconnected Discourses on Burquas and Headscarves in the US and in Europe”. Ihrer Meinung nach werden durch Diskussionen um den Schleier in den USA die intenventionalistische Politik, in Europa kulturelle Differenzen verhandelt, indem hegemoniale Ansprüche als Aktionen zur Rettung der Frau maskiert werden. Natürlich spielt die von Dietze angeführte Debatte der Leitkultur und die Ablehnung der Immigration durch führende Politiker im Kopftuchstreit eine Rolle, aber pauschal den Feministinnen „orientalizing patriarchy“ vorzuwerfen (S. 234), erscheint nicht gerechtfertigt. Dennoch ist Dietzes Aufruf zur eigentlich selbstverständlich erscheinenden Kontextualisierung des Kopftuchtragens wichtig: sowohl diejenigen, die den Schleier als Unterdrückungssymbol ablehnen (vor allem die Feministen), als auch diejenigen, die ihn als Ausdruck kultureller Vielfalt begrüßen (die Multikulturalisten), sollten die triviale Tatsache beachten, dass das Kopftuch beides sein kann.  

Abgeschlossen wird der Sammelband von dem durch seinen Praxisbezug erfrischend instruktiven Bericht von Christiane Klingspor über den interkulturellen Berliner Workshop „Projekt Sarah – Hagar“, in der sie beschreibt, wie religiöse Differenzen zwecks eines besseren Verständnisses konstruktiv auf einer gewaltfreien, von gegenseitigem Respekt geprägten diskursiven Ebene thematisiert werden können. Es wäre schön, wenn sie die in diesem Projekt eingeübte Haltung der Offenheit, des Zuhörens und der Selbstreflexion durchsetzen würde.

Ob der Aufsatz von Marta C. Nussbaum „Rape and Murder in Gujarat“ – wie in der Einleitung des Sammelbandes behauptet – dazu taugt, die These von der besonderen Verbindung von Monotheismus und Gewalt zu widerlegen, darf bezweifelt werden: Nussbaum beschreibt die Ereignisse in der indischen Provinz Gujarat, in der muslimische Frauen durch Hindus vergewaltigt, gefoltert und getötet wurden. Diese Geschehnisse lassen sich jedoch weniger aus Konzepten der hinduistischen Religion als durch mit Rassismus vermischte Abwehr- und Angstmechanismen gegen eine als bedrohlich wahrgenommene outgroup erklären, die Destruktion ihrer Frauen soll die Männer demütigen. Eine alte Kriegstaktik, die – wiederum im Widerspruch zur leider nicht mit einer Autorenangabe versehenen Einleitung – bereits seit Jahrtausenden existiert (etwa bei den Hunnen, den Wikingern oder den Mongolen) und nicht erst seit der Moderne.

Ein Drittel der Aufsätze hat leider mit dem durch den Titel des Sammelbandes implizierten Kernthema (Religiös motivierte Gewalt und Geschlecht) nur im weitesten Sinne zu tun, so zum Beispiel Mary Condrens Aufsatz „War, Religion, Gender and Psyche“, in dem es um die tiefenpsychologisch als Sehnsucht nach dem Mütterlichen erklärten Geisteszustände von Kriegern allgemein geht, oder Ulrike Brunottes Essay „Inszenierungen von Religion und Männlichkeit im amerikanischen Kriegsfilm“, der wenig originell bereits aus der feministischen Medienforschung bekannte Mechanismen verhandelt.

Es fällt auf, dass sich die Verweise auf christlich-jüdische Gewalt weitgehend auf der diskursiven Ebene bewegen, während muslimische Gewalt als konkret körperlich dargestellt wird. Dabei gäbe es dazu doch so viel zu sagen, wie etwa die Beispiele des sich massiv gewalttätig äußernden Fundamentalismus jüdischer Siedler oder der strukturelle Gewalt gegenüber Frauen legitimierenden Haltung des Vatikans gegenüber Frauen zeigt (so beispielsweise das Kondomverbot und das allgemeine Rollenbild der Frau, nachzulesen in der „Lettera alle Donne“ von Johannes Paul II). Trotz all dieser er Kritikpunkte stellt der Sammelband jedoch einen wichtigen und lesenswerten Beitrag zur aktuellen Debatte über Religion und Gender dar.

Christina von Braun, Ulrike Brunotte, Gabriele Dietze, Daniela Hrzán, Gabriele Jähnert, Dagmar Pruin (Hg.): ‚Holy War‘ and Gender. ‚Gotteskrieg‘ und Geschlecht.
LIT   Verlag, Berlin 2006.
272 Seiten,   19,90 EUR
ISBN 978-3-8258-8109-2