Von Marion Näser Im Anschluss an die Leitkulturdebatte und angesichts der zunehmenden Gefahr einer sozialen (Stichwort: Prekariat) und kulturellen (Stichwort: Parallelgesellschaften) Segregation der Gesellschaft versucht der frühere Staatsminister für Kultur und jetzige Professor der Politischen Theorie und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München Julian Nida-Rümelin, neue normative Grundlagen für eine zukünftige Gesellschaftsordnung zu finden. Seine an Petrarca anknüpfende Konzeption eines neuen Humanismus der Sanftheit und Liebenswürdigkeit wird im Sammelband „Humanismus als Leitkultur“ in 19 Reden und Schriften aus den Jahren 1996 bis 2005 vorgestellt. Die Aufsätze sind unter den Überschriften „Bildung und Kultur. Grundlagen“ (Kritik des Bildungssystems), „Kunst und Lebenswelt“ (Leistung einzelner Künste) sowie „Perspektiven der Zivilgesellschaft“ (Humanismuskonzeption) zusammengefasst. Quo vadis, scientia? Nida-Rümelin wendet sich gegen den vorherrschenden Trend der Privatisierung und Ökonomisierung des Wissenschaftsbetriebes, der zur Erosion des Fundamentes des ökonomischen Erfolges (Kenntnisse, Fähigkeiten, Tugenden) führe. Dabei verweist er auf die triviale, aus der Wissenschaftsgeschichte bekannte Tatsache, dass durch Zweckfreiheit das wissenschaftliche Potential am besten entfaltbar ist und führt als Errungenschaften der Humboldt'schen Bildungsorientierung die für eine zukünftige Gesellschaft notwendigen Qualitäten selbständiges Denken, Urteilskraft, Entscheidungsstärke, Argumentationsfähigkeit und die Fähigkeit, sich auf Neues einzustellen, an. Es heißt also: zurück zum humanistischen Bildungsideal! Welche Rolle die einzelnen Wissenschaften dabei spielen sollen, ist jedoch widersprüchlich dargestellt: Nennt Nida-Rümelin an einer Stelle als notwendiges Orientierungswissen lediglich mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Kenntnisse und Fremdsprachen, so betont er an anderer Stelle die Bedeutung der Geisteswissenschaften, die das Verständnis für menschliche Intentionalität und kulturelle Gegenstände gewährleisten sollen. Erstaunlicherweise mutet er den Geisteswissenschaften eine normative Rolle im Sinne einer Bewertung von ethischen Haltungen und Normensystemen zu. An anderer Stelle lehnt er jedoch gerade diese normative Rolle für die Philosophie als die einzige Disziplin, die dies ohne Verlust ihres wissenschaftlichen Anspruches leisten könnte, ab (warum erhebt dann das vorliegende Buch einen normativen Anspruch?). Es darf zudem bezweifelt werden, ob der von Nida-Rümelin konstruierte Gegensatz einer Generalistenausbildung durch die Geisteswissenschaften vs. einer Spezialisierung in den Naturwissenschaften so zutrifft.
Die Rückbesinnung des Wissenschaftsbetriebes auf humanistische Ideale im Sinne einer Bildung als Persönlichkeitsbildung ist notwendige Bedingung für das Funktionieren der von Nida-Rümelin propagierten (in den letzten Jahren so oft als Stichwort des politischen Diskurses genannten) Zivilgesellschaft von verantwortungsvollen Bürgern. Er kritisiert den rousseau'schen beziehungsweise kommunitaristischen Gedanken einer Gesellschaftskonstruktion auf der Basis kultureller Gemeinsamkeiten (Assimilationsbestrebungen) als unrealistisch und der Achtung vor der Besonderheit der einzelnen Person widersprechend; im Multikulturalismus wiederum, den er mit Hobbes´ Minimalkonstruktion des Staatswesens vergleicht, sieht er die Gefahr des Entstehens von Parallelgesellschaften. Stattdessen propagiert er eine Zivilgesellschaft der Integration, Kommunikation und Kooperation, deren Bürger weder isolierte egoistische Individuen noch Mitglieder durch Gruppenidentitäten definierter Teilgesellschaften sein sollen. Als Strukturelemente einer solchen idealen Gesellschaft sieht Nida-Rümelin eine begründungsorientierte politische Praxis, die der ständigen Kontrolle unterliegt, sowie eine politische öffentliche Kultur. Die Kooperation der Bürger werde durch im Grundgesetz festgelegte Pflichten und Verpflichtungsgefühle gewährleistet. Die Aktivierung der Bürgergesellschaft geschehe durch Privatinitiative (ehrenamtliche Arbeit), die auch Sozialisationsfunktion haben solle. Dies bedeute keinen Rückzug des Staates, da Nida-Rümelins Konzeption auch soziale Anspruchsrechte beinhaltet: Voraussetzung für zivilgesellschaftliches Engagement seien Ressourcen wie Geld, frei gestaltbare Lebenszeit, Gesundheit, Wissen und ein günstiges Wohnumfeld. Die Politik solle dies durch aktive Arbeitsmarkt- und Einkommenssicherungspolitik gewährleisten Edel sei der Mensch! Die Bürger der von Nida-Rümelin angedachten Zivilgesellschaft sollen den Idealen von Autonomie, Respekt, Eigenverantwortlichkeit, Anerkennung der Menschenwürde, Vernunft, Empathie, verständigungsorientierter Konfliktbewältigung, Solidarität, Freundschaft, Wahrhaftigkeit, Kooperation, Vertrauen und Loyalität folgen; zudem sollen sie einen moralischen Standpunkt einnehmen, der losgelöst von Eigeninteressen und kultureller Prägung sein soll und außerdem ihre menschlichen Anlagen ständig perfektionieren. Die Einzigen, die solchen Ansprüchen genügen könnten, wären wohl Buddha oder Jesus. Dieser Wertekatalog der humanistischen Selbstbildung soll in staatlichen Bildungseinrichtungen, über Erfahrungen in Vereinen, im Sport, in der Freizeit und durch die Kulturpolitik vermittelt werden, deren neue kulturelle Leitidee „das Transzendieren der eigenen kulturellen Identität“ sein soll (S. 143). Dass Nida-Rümelin bei der Aufzählung dieser Konditionierungsmöglichkeiten die wichtigsten, grundlegenden Faktoren, nämlich Elternhaus und unmittelbares soziales Umfeld, unbeachtet lässt, ist verwunderlich und zeigt die praktischen Stolpersteine seines ethischen Erziehungsprogramms. Als wichtige Grundlage für ethisches Verhalten und interkulturelle Verständigung führt Nida-Rümelin die Empathie an, die er über durch ästhetische Bildung gewonnene Sinnlichkeit vermittelt wissen möchte. Globalizing Humanism: Menschenrechte als universelle Minimalmoral In direkter Folge seines Wertekanons fordert Nida-Rümelin nichts weniger als die Anerkennung von „Menschenrechten als universeller Minimalmoral, auf die man sich einigen können müsste“ (S. 50), „Dieser Minimalkonsens grenzt sich ab gegen metaphysische naturrechtliche Ordnungskonzeptionen [...] Aber er ist mit diesen insofern vereinbar, als er zulässt, dass Bürgerinnen und Bürger einer zivilen Gesellschaft solchen konkurrierenden normativen Überzeugungen anhängen, sofern sie nur den äußeren Rahmen der übergreifenden zivilgesellschaftlichen Ordnung nicht in Frage stellen“ (S. 140). Nida-Rümelin sieht das Konfliktpotential zwischen übergreifenden Normen und kulturellen Bindungen durchaus, glaubt es jedoch in einer Rechtsstaatlichkeit mit weitgehender Interventionspflicht gelöst. Regeln der gegenseitigen Achtung und Rücksichtnahme seien „mit einer großen Vielfalt unterschiedlicher Lebensformen und kultureller Prägungen vereinbar“ (S. 45). Vor dem Hintergrund der Postkolonialismus-Debatte ist Nida-Rümelins Annahme eines problemlos zu teilenden Kerns jedoch als naiv, sind die von ihm in dieser Form propagierten Menschenrechte doch in ihrer Wesentlichkeit westlich geprägt. Bezeichnenderweise nennt Nida-Rümelin als für den europäischen Zusammenhalt notwendiges „verbindendes kulturelles Band“ die Antike, die griechische Klassik und die römische Staats- und Rechtstradition (S.33). Nida-Rümelin geht sogar so weit, seine Vision auf die ganze Welt auszudehnen, indem er in Form eines „ethischen Kosmopolitismus“ (S. 169) die Konzeption einer globalen Zivilgesellschaft versucht, deren übergreifende moralische Regeln durch internationale Rechtsnormen und Institutionen durchgesetzt werden sollen. Die Frage, ob am humanistischen Wesen die Welt genesen kann, muss aufgelöst werden in eine – hier vermutlich auch aufgrund der Aufsatzform nicht stattfindende – Detailreflexion über Begrifflichkeit und Inhalt dieser Werte selbst. Respekt, etwa gegenüber Frauen, bedeutet in verschiedenen Kulturkreisen beispielsweise Normensystemen Unterschiedliches, da er über die Konstruktion von Identitäten, Rollen und Bedürfnissen verschieden definiert wird. Die von Nida-Rümelin selbst beschriebene humanistische Haltung ist somit auch kulturell und nicht mit Fanatismen oder auch nur bedingt mit bestimmten kulturellen Verankerungen kompatibel. Der Mensch gehört einer Gemeinschaft nicht eben nicht allein durch Vernunft und freiwillige Zustimmung an, sondern er wird in sie hineingeboren. Man mag geneigt sein, es als erstrebenswert anzusehen, wenn die Welt so werden könnte, wie Nida-Rümelin sich dies vorstellt. Die Bedenken im Hinblick auf die praktische Durchführung bleiben jedoch.
Julian Nida-Rümelin: Humanismus als Leitkultur. Ein Perspektivenwechsel. |