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Von Karla Nitschke
Der vorliegende Band von Raimund Hasse und Georg Krücken führt in die Kernthesen des soziologischen Neo-Instutionalismus ein. Dieser hat seine Ursprünge in den amerikanischen Sozialwissenschaften und geht in erster Linie auf Meyer/Rowan (1977) und DiMaggio/Powell (1983) zurück, die in ihren Studien erstmals den Strukturen von Organisationen die Hauptfunktion der Legitimitätserzielung unterstellen und damit die bis dato angenommene Funktion der effizienten Problembearbeitung durch Organisationen hinterfragen.
Im Anschluss an ein Vorwort von John Meyer, dem Begründer des Neo-Institutionalismus, wird einleitend eine Abgrenzung der Institutionalismen verschiedener verwandter Fachbereiche voneinander vorgenommen. Denn das Hauptaugenmerk der Autoren liegt auf dem Institutionalismus in der Organisationssoziologie amerikanischer und europäischer Ausprägung.
Im Kapitel „Meilensteine“ werden die Kernthesen von Meyer/Rowan (1977) und DiMaggio/Powell (1983) präzisiert. Dem Neo-Institutionalismus liegt demnach eine Auffassung von Organisationen zugrunde, die sich gegen das rationale Handlungsmodell Webers wendet. Der Argumentation Meyers und seiner Kollegen zufolge sind Kriterien zur Zielerreichung nicht identifizierbar, Erfolg ist nicht in dem Sinne messbar wie in der weberschen Annahme einer ‚okzidentalen Rationalisierung‘. Diese habe auf der Ebene der Institutionen die Bürokratie hervorgebracht, deren formale Strukturen, da bereits als legitim anerkannt, Effizienz demonstrieren. Für Meyer/Rowan dagegen sind Legitimitäts- und Effizienzerfordernisse nicht deckungsgleich. Dies zeigt sich darin, dass formale Organisationen Regeln oder Annahmen zum Ausdruck bringen, die in ihrer eigenen gesellschaftlichen Umwelt institutionalisiert sind. Denn indem Organisationen diese so genannten Mythen, die man als gemeinsame Erwartungshaltungen der gesellschaftlichen Umgebung auffassen kann, aufgreifen und zeremoniell zur Geltung bringen – beispielsweise in ihren Produkten, Dienstleistungen, Techniken und Programmen – wird eine Strukturähnlichkeit (Isomorphie) zwischen Organisation und Gesellschaft hergestellt und so Legitimität erzeugt. Auch bei den jüngeren Vertretern DiMaggio und Powell (1983) steht der Aspekt der Isomorphie im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses und wird hier durch den Begriff des organisationalen Feldes präzisiert, das sich aus all denjenigen Organisationen zusammensetzt, die die relevante Umwelt und damit den Bezugsrahmen der zu untersuchenden Organisation bilden. Als Teil eines organisationalen Feldes stehen Organisationen in einem wechselseitigen Legitimationsverhältnis, wobei Angleichungsprozesse stattfinden, die analytisch als institutionelle Isomorphien bezeichnet werden.
Der anschließende Abschnitt „Empirische Studien“ beschäftigt sich zunächst mit der Frühphase des Forschungsfokus, insbesondere der Analyse von Kultur- und Bildungseinrichtungen. Weiter werden empirische Studien der jüngeren Forschung aus den Bereichen Politik und Wirtschaft vorgestellt, wobei die Makrofundierung der Theorieperspektive, der ‚world-polity-Ansatz‘ herausgearbeitet wird. Dabei wird im Bereich der Politik von einigen Vertretern (Brunnson, March, Olsen) an einem staatszentrierten Ansatz festgehalten. Im Gegensatz dazu wird die Bedeutung des Nationalstaates von anderen Theoretikern (Meyer, Wobbe, Krücken, Finnmore) relativiert und die gestiegene Bedeutung staatsübergreifender sozialer Normen für staatliche Politiken betont. Dem ‚world-polity-Ansatz‘ zufolge findet unter den Bedingungen der Globalisierung eine Diffusion westlicher Kultur- und Strukturmuster statt. Die so genannte Weltgesellschaft wird dabei einerseits als ein System angesehen, das Werte durch die kollektive Verleihung von Autorität indirekt erzeugt, diese Werte aber ebenso durch staatliche Handlungen direkt konstruiert. Die Autoren identifizieren dabei als zentrale Handlungsträger drei Akteure: der Staat als zentrale Organisationsform, formale Organisationen wie NGOs, UNO oder die Bretton-Woods-Institutionen als grundlegende Einheiten und schließlich das rationale Individuum. Auch für den Bereich der Wirtschaft betonen die Autoren die Bedeutung von Legitimität für die Überlebensfähigkeit globaler Unternehmen. Die bereits erwähnte Existenz organisationaler Felder resultiert, laut einer Studie zu Kontrollstrategien innerhalb der Wirtschaft (Fligstein 1990), aus der gegenseitigen Anerkennung von Interdependenzen zwischen den Akteuren in verschiedenen Firmen. Durch diese wechselseitige Orientierung werden Vorgaben auf äußert homogene Weise verarbeitet. Die organisationalen Felder dienen als Referenz und stellen Anleitungen (scripts) zur Verfügung. Aus diesen scripts geht hervor, wie mit externen Vorgaben und Einflüssen umgegangen werden kann. Diese freiwillige Standardisierung und Regelorientierung sozialen Handelns hat, laut Hasse/Krücken, ein hohes Maß an Stabilität zur Folge. Der ‚world-polity-Ansatz‘ kann somit die Verbreitung von Konzepten nicht allein mit einer höheren Effizienzerwartung erklären, sondern auch mit dem Versuch seitens von Organisationen und Unternehmen, durch die Übernahme einer Mode das eigene Handeln in ihrer Umwelt zu legitimieren, da davon ausgegangen wird, dass Moden zur Abstützung von Wertorientierungen in Organisationen dienen können. Als eingängiges Beispiel wird dazu auf die zentrale Rolle global agierender Unternehmensberatungsfirmen verwiesen, die als Agenten der Weitergabe von Moden dienen. Durch diese beratenden Anderen werden allgemeingültige Annahmen von so hohem wissenschaftlichem und fachlichen Generalisierungsgrad global verbreitet, dass diese im Prinzip beinahe in jedem Feld und durch jeden Akteur zur Anwendung kommen können. Allerdings scheinen dabei theoretische Genauigkeiten verflacht und um ihrer Anwendbarkeit willen vereinfacht, abstrahiert, zu werden.
Der Mikrofundierung des Neo-Institutionalismus und hier insbesondere einem methodisch kontrollierten Experiment von Zucker (1977) entstammt die Annahme der Prozesshaftigkeit von Institutionalisierung, die von ihr zur Erklärung von institutionellem Wandel zuspitzt wird. Letztlich bestimme der Institutionalisierungsgrad die Auswirkungen der Einführung neuer Gesetze, Richtlinien oder Standards auf bereits bestehende Vorgaben innerhalb einer Organisation. Dagegen findet sich bei Meyer/Rowan, hier allerdings wenig empirisch fundiert, die Annahme einer generell losen Kopplung beziehungsweise einer Entkopplung zwischen organisationalen Praktiken und Formalstrukturen. Mit Entkopplung ist der Prozess der Bildung einer formellen und einer informellen Struktur innerhalb einer Organisation gemeint. Dies könne, so die These, zur lediglich symbolischen Verarbeitung von Vorgaben aus der Umwelt auf der formalen, nach außen hin sichtbaren Ebene führen. Eine Distanzierung gegenüber institutionellen Vorgaben hat dann nur noch geringe Auswirkungen auf die Kernaktivitäten einer Organisation, da lose Kopplung zwischen der Vorgabe und den Struktur- und Handlungseffekten vorherrscht. Dies kann neben der Annahme strategisch orientierter Akteure auch der Ausdruck sich widersprechender Erwartungszusammenhänge zwischen Innen und Außen (Organisationsumwelt) sein. Ein klassisches Beispiel wäre die Ideologiebildung nach doppelten Standards. Ein Unternehmen oder eine Organisation präsentiert Bilder und Zielvorstellungen über die formale Strukturebene (etwa ihre Öffentlichkeitsabteilung), die keine Anwendung auf der informellen Struktur finden müssen. Beispiele finden sich genug: Postulate der Arbeitnehmerbeteiligung oder Ideale wie die von Corporate Management oder Corporate Social Responsibility.
Eine weitere Kernthese des Neo-Institutionalismus stellt die gesellschaftliche Konstitution moderner rationaler Akteure dar. Denn von konstitutiven Formen der Vergesellschaftung werden Akteure und ihre Strategien meist grundlegend beeinflusst und erscheinen auch selbst als institutionelle Effekte. Moderne Akteure (Organisationen, Staaten, Individuen) treten in diesem Sinne als Agenten für andere Akteure in Erscheinung. Laut Hasse/Krücken möchte der Neo-Institutionalismus hiermit den sozialgeschichtlichen Nachweis liefern, dass die Konstituierung von Organisationen, Staaten und Individuen als rationale Akteure ein Produkt von Modernisierungsprozessen sei. Somit werden übergeordnete gesellschaftliche Bezüge als Instanzen der Strukturierung rationaler Akteure hervorgehoben. Dies erlaubt der Theorie zum einen, das hohe Maß an Standardisierung der Ziele und Präferenzen zu erklären, die das Handeln rationaler Akteure anleiten, und zum anderen die hohe Bereitschaft zu erklären, als Agenten für andere Akteure und übergeordnete Zielsetzungen aufzutreten und in diesem Zusammenhang kollektive Handlungsfähigkeit zu generieren. „Es sind dann nicht Akteure, die die Gesellschaft konstituieren, sondern umgekehrt, die moderne Gesellschaft konstituiert den Akteur, der vorgegebene „scripts“ umsetzt, indem er sich der vorherrschenden Form der Rationalität unterwirft“.
An dieser Stelle gehen die Autoren auch auf die externe wie interne Kritik ein, nach deren Ansicht institutionelle Effekte als alles durchdringende Form der Vergesellschaftung verabsolutiert würden und die Handlungsmöglichkeiten von Akteuren und ihren Interessen vernachlässigt sehen. Auch im Abschnitt „Theorieentwicklung“ verweisen die Autoren auf die vor allem in der Frühphase des Neo-Institutionalismus dünne theoretische Basis und ordnen ihn daher eher in die Liga einer effektiven Forschungstechnologie ein als in die der ‚Grand Narratives‘. Hasse/Krücken legen damit auch die starke Zerrissenheit und Uneinheitlichkeit des Ansatzes offen. Insbesondere die Trennung in die mit kontrollierten Experimenten gut erforschte mikrosoziologische Perspektive und den thesenartig bleibenden ‚world-polity-Ansatz‘ lässt sich nur schwer überbrücken.
Im einem abschließenden „Theorievergleich“ setzen sich die beiden Autoren mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zur Netzwerktheorie, zu Strukturtheorien nach Bourdieu und Giddens und zur Systemtheorie Luhmanns auseinander und betonen in einem vergleichenden Fazit die Anschlussfähigkeit und Offenheit des Neo-Institutionalismus.
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