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Von Christian Rausch Vorsicht beim Schmökern in Ihrer Buchhandlung – Dieses Buch ergreift Sie. Mit einer schönen Umschlaggestaltung, einer Rekonstruktion des historischen Hermannstadt aus der Vogelperspektive, und einigen interessanten Karten und Abbildungen springt es Sie geradezu an. Es lauert in besonders exponierter Lage, wo sich die Bücher befinden, mit denen man den Nerv der Kundschaft zu treffen hofft. Schließlich ist Hermannstadt als Europäische Kulturhauptstadt 2007 die touristische Entdeckung dieses Jahres. Der Historiker Harald Roth hat seine Chronik in Taschenbuch-Format genau zum rechten Zeitpunkt herausgebracht. Das touristische Interesse an der siebenbürgischen Stadt ist enorm. Zudem ist der Markt verdaulicher Lektüre über Hermannstadt und Siebenbürgen sehr überschaubar, bislang gab es vor allem Heimatlektüre der ausgewanderten Sachsen und wissenschaftliche Beiträge aus Geschichte und Volkskunde. Das nun einsetzende touristische Interesse der Öffentlichkeit verlangt geradezu nach einem solchen Werk. In dieses Buch ist viel Hintergrundwissen des Autors über die Geschichte Siebenbürgens eingeflossen. Schon 2002 brachte Roth die „Kleine Geschichte Siebenbürgens“ heraus, die sowohl in den Buchläden als auch in Wissenschaftskreisen Freunde gefunden hat. Roth hat zweifellos viel historisches Wissen zusammengetragen, das er leicht lesbar und zugleich historisch solide präsentiert. Dennoch sind manche Ausführungen sehr detailliert und zweifellos interessanter für ortskundige Siebenbürger Sachsen als für den unbedarften Rumänien-Touristen, der einen Reiseführer durch das Städtchen sucht. Auch diesem nutzt das Büchlein aber, durch seine Register findet man den Lesestoff des Vorabends auch unterwegs schnell wieder. Auf 230 Seiten schildert Roth die wechselvolle Geschichte des rumänischen Ortes. Seit seiner Gründung durch Siedler aus dem deutschen Sprachraum im 12. Jahrhundert, dem rasanten Aufstieg als Handelsstadt im Mittelalter, Perioden der Verwüstung in den Türkenkriegen und den Pestwellen bis zur Koexistenz als Minderheitenkapitale in Ungarn und schließlich, seit Trianon 1918, als Teil Rumäniens, hat die Stadt eine atemberaubende Geschichte erlebt. Stellenweise liest sich diese, gleichwohl in nüchterner Sprache geschriebene, Stadtchronik wie ein Abenteuerroman. Dem bereits unglaublich deutschen Stadtnamen steht die Abfolge heldenhafter stadtgeschichtlicher Episoden in nichts nach: Hermannstadt als ‚der Christenheit Mauer und Schild‘ gegen die Türken, die an der unbezwingbaren sächsischen Bastion scheitern, unermesslicher Reichtum der Handelsstadt, Fleiß und Geschick ihrer Bewohner, immer wieder unverschuldetes Unglück, das wie Schlechtwetterfronten über die Stadt hereinbricht – die Lektüre ist kurzweilig und fesselnd und trifft das vage romantische Bedürfnis vieler Leser, die mit dieser Nachtlektüre sicher gute Träume haben werden. Leider widerspricht der zweite Blick dem zunächst glänzenden Eindruck: Mag Roth auch historisch solide gearbeitet haben, was in einer populärwissenschaftlichen Veröffentlichung ohne Literaturverweise schwer geprüft werden kann, so hört man in seiner Version der Hermannstädter Geschichte jedoch schnell den traditionalen Duktus des Siebenbürgen-Instituts heraus, dessen Geschäftsführer er bis vor kurzem war. Sie bleibt im Deutungsdiskurs sächsischer Geschichte keineswegs unwidersprochen und findet sich nahe dem Selbstbild der Siebenbürger Sachsen. Ein solch einseitig sächsisches Weltbild von Siebenbürgen klingt immer wieder durch, schon die Apologetik der Einleitung verdeutlicht dies: Hier rechtfertigt Roth die Verwendung des Namens Hermannstadt anstelle des rumänischen Sibiu mit der Unterscheidung zu anderen deutschsprachigen Regionen, in denen es durch Flucht und Vertreibung zum Wechsel städtischer Kultur kam, während in Hermannstadt Kontinuität bestehe. Diese Defensive ist bezeichnend: Der Wert einer Geschichtsdarstellung jenseits subjektiver Minderheitenweltbilder erscheint ihm sekundär. Und so geht der Autor auch kaum auf die Bedeutung anderer ethnischer Gruppen für Hermannstadt ein. Die Roma verschweigt er völlig, auch wenn sie spätestens seit dem 20. Jahrhundert im Stadtbild gegenwärtig sind. Die herausragende Bedeutung des dörflichen Speckgürtels um Hermannstadt für die Entstehung nationaler Kultur der siebenbürgischen Rumänen im 19. Jahrhundert (etwa im Dörfchen Rasinari) kommt ebenfalls zu kurz. Und seine Beispiele für interethnische Kontakte geben bestenfalls fragmentarisch Einblick in die Lebenswirklichkeit der Einwohner der letzten zwei Jahrhunderte. Harald Roths kleine Geschichte über Hermannstadt ist im Disziplinen übergreifenden Fachdiskurs sicher angreifbar, die manchmal etwas sagen-hafte Komposition historischer Ereignisse seien dem träumerisch heimatverbundenen Siebenbürger Sachsen nachgesehen. Für den breiten Markt historischer Lektüre zur Geschichte Südosteuropas stellt Roths Werk dennoch einen wertvollen Beitrag dar. Es darf erwartet werden, dass nicht zuletzt durch dieses Büchlein zur Kulturhauptstadt 2007 ein neues Interesse an Teilen der europäischen Geschichte entsteht, die bis 1989 beinahe vergessen waren. Die Zahl der Hermannstadt-Reisenden steigt, besonders im Kulturhauptstadt-Jahr, deutlich an. Ihnen ist – trotz seiner Schwächen – zu wünschen, dass sie Harald Roths Buch dabei haben. Harald Roth: Hermannstadt. Kleine Geschichte einer Stadt in Siebenbürgen. |