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Katharina Mommsens quellenkritische Studie „Goethe und 1001 Nacht“ als Mittler zwischen Fundamentalismus und Toleranz?

Von Norman Rinkenberger

Als ‚Highlight‘ wird vom Verlag die Neuherausgabe der Schrift „Goethe und 1001 Nacht“ der renommierten Germanistin Katharina Mommsen gefeiert. Als Tübinger Dissertation stellte dies den Beginn der akademischen Karriere (1958) von Mommsen dar, 1960 wurde die Studie im Akademie-Verlag erstmals veröffentlicht, 1981 erfolgte eine Taschenbuchausgabe bei Suhrkamp. Die unveränderte Neuausgabe des Bernstein-Verlags – ergänzt allerdings durch ein Vorwort des Tübinger Theologen Karl-Josef Kuschel und des Taschenbuch-Vorwortes von Mommsen – macht zwar die vergriffene Arbeit wieder zugänglich, aber inwiefern ist sie nun ein „Glanzpunkt“?
„1001 Nacht“, die Sammlung von morgenländischen Erzählungen – nach Mommsen das wichtigste Werk für Johann Wolfgang von Goethe –, ist zweifelsohne ein Klassiker der Weltliteratur. Scheherazade stellt hierbei eine der Hauptfiguren aus der Rahmenhandlung der Geschichten dar. Sie ist die Tochter des Wesirs von Sultan Schahriar, der – verbittert über die Treulosigkeit seiner ersten Gattin – alle weiblichen Wesen als heuchlerisch verdammt und sich rächt: Jede weitere Frau, die ihm zugeführt wird, lässt er nach dem Beischlaf in der ersten Nacht umbringen. Scheherazade jedoch vermag es als Märchenerzählerin, die Neugier auf die Fortsetzung ihrer Geschichten stets zu wecken, weshalb Schahriar ihre Hinrichtung immer weiter hinausschiebt. Nachdem Scheherazade dies über tausendundeine Nacht gelungen ist, hat sie schließlich mit weiblicher Klugheit und femininer Sprachgewalt den Groll des Sultans in Liebe verwandelt.
Goethe nun erscheint in Mommsens Studie als ihr Nachfolger, literaturwissenschaftlich-detektivisch spürt sie seine ‚Scheherazadennatur‘ auf und demonstriert, wie der Weimarer Dichter das von Scheherazade ererbte Talent im Erfinden und Weiterdenken von Geschichten als ein wesentliches Element einsetzt, um die Faszination seiner Texte noch zu steigern. Dabei kommt ihm der ausgeprägte Realismus des orientalischen Erzählens entgegen, wonach auch Zauberreiche eine natürliche Wirklichkeit im Erzählen erfahren. Mommsen geht der Frage nach, welche Anregungen die größte aller Fabuliererinnen auf Goethes Schaffen hat; dessen „Lust zu fabulieren“ werde erst verständlich, wenn man Goethes besondere Hochschätzung der arabischen Erzählkunst in „1001 Nacht“ mitbedenkt – ein Erzählen eben nach Art der Scheherazade.
Immer wieder macht Mommsen die besondere und beherrschende Stellung von „1001 Nacht“ zu Zeiten Goethes deutlich, damit sich auch der heutige Leser – anvisiert ist allerdings der Rezipient von 1960 – des beträchtlichen Orientinteresses der Goethezeit bewusst werde. Dazu liest die Autorin philologisch korrekt und sehr gewissenhaft die orientalische Erzählsammlung mit den Augen Goethes. Um solchermaßen die Einflüsse von „1001 Nacht“ auf Goethe unverfälscht ermitteln zu können, müssen die Ausgaben betrachtet werden, die auch Goethe selbst vorlagen: Dies ist zum einen die Übersetzung des französischen Orientalisten Galland „Les mille et une nuit“ von 1747, hierin las Goethe die längste Zeit seines Lebens; besonders wichtig aber wurde ihm die deutsche Übersetzung von Habicht, von der Hagen und Schall aus dem Jahr 1825, bekannt als Breslauer Ausgabe.
Anhand zahlreicher Zeugnisse aller Art – darunter natürlich Werkzitate, Briefstellen von Goethe und seinen Briefpartnern, Tagebucheinträge, Gespräche, Entleihungsregister, Ausleihbücher, Notizen und Entwürfe – gelingt es Mommsen sehr präzise aufzuzeigen, dass „1001 Nacht“ lebenslang zu den „Lieblings­büchern“ des Weimarer Dichters gehörte, die er nachweislich immer wieder zur Hand nahm, und gleichzeitig die Einflüsse auf Goethes Werk zu veranschaulichen. Vorhandene weitere Einflüsse werden nicht übergangen, doch keiner war so nachhaltig und anhaltend wie „1001 Nacht“: Hier fand Goethe auch die Elemente der wichtigsten Erzählgattungen vorgebildet und darüber hinaus bot die orientalische Quelle mit den Worten des Dichters „halbverarbeitete zugerichtete Stoffe“, das heißt die Themen und Motive stellen hierbei keine puren Rohstoffe dar, aber erscheinen Goethe auch nicht ganz vollendet, weshalb sie also noch bestens form- und gestaltbar sind.
Goethes Hochachtung von „1001 Nacht“ entspricht das Ausmaß der Einwirkung auf sein Werk durch die Zeiten: Die Erzählsammlung ist für Goethe eine unerschöpfliche Quelle der Anregung, bietet Rat, Lösung, Inspiration, wobei ihr Einfluss mit der Breslauer Ausgabe im Alter sogar noch zunimmt. Die Beschäftigung Goethes mit dem Orient hat folglich nicht nur in seiner Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“ Spuren hinterlassen, sondern begegnet dem Leser durchgängig in seinem Werk, von den frühesten dramatischen Dichtungen bis hin zu „Faust II“ an seinem Lebensende. Den Großteil nimmt in Mommsens Arbeit „Faust II“ ein; daneben liefert sie diverse Einblicke in Goethes Gesamtwerk, darunter „Der neue Paris“, „Lila“, „Wilhelm Meisters Wanderjahre“, „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ und  „Die Wahlverwandt­schaften“, um nur einige zu nennen.
Dabei benutzt Goethe das Werk – wie auch sonst seine Quellen – eher indirekt, was Mommsen verdeutlicht. Er entlehnt bestimmte Charakteristika und wählt einzelne Motive daraus aus, wobei insbesondere das „Aggregat“ für Goethe als Muster fungiert. Dies ist in Anlehnung an „1001 Nacht“ entstanden und zeitigt sogar Auswirkungen hinsichtlich seiner Veröffentlichungspraxis, wenn er seine Werke in unterbrochenen Fortsetzungen vors Publikum bringen will. Die Gleichklänge mit „1001 Nacht“ sind bei Goethe dort besonders spürbar, wo die „Lust zu fabulieren“ auftaucht, märchenhaftes Erzählen gedeiht und die Grenze zum Wunderbaren überschritten wird. Als Musterbeispiel für formale wie inhaltliche Vorbild­funktion von „1001 Nacht“ für Goethes Schreiben geht Mommsen hierbei neben vielen anderen Themen auf den unterirdischen Palast beziehungsweise das höhlenhafte Zauberreich näher ein – Ort der Hochzeit von Faust und Helena im zweiten Teil des Dramas – und belegt sehr anschaulich, wie Goethe dies dem Pari-Banu-Märchen aus „1001 Nacht“ entlehnt hat.
Goethes Worte „Nur durch Aneignung fremder Schätze entsteht ein Großes“ erscheinen direkt auf die Quellenforschung übertragbar: Das „Große“ wird in seiner Eigenart voll greifbar, wenn genügend Wissen über die Art und Weise der Aneignung vorhanden ist, deshalb ist mit Mommsen die Quellenforschung für eine (tiefgehende) Analyse nicht zu umgehen, schon gar nicht bei Goethe, denn die Kenntnis der Quellen seiner Stücke gibt auch Auskunft über Form, Inhalt und Sinn.
Bis zum ersten Erscheinen dieser Studie (1960) gab es keine Arbeit, die sich derart mit dem Verhältnis von Goethe zu „1001 Nacht“ befasst hat. Diese Pionierarbeit, die dann etliche Publikationen hierzu angeregt hat, verdient hohe Anerkennung. Der heute mit Mommsen zu Recht verbundene Anspruch sowie dessen Einlösung, den Austausch der Kulturen zu befördern, will allerdings bei Konzentration auf dieses Werk nur schwerlich gelingen, da dieser noch nicht in der hier vorgestellten Arbeit Mommsens wurzelt.
Denn anders etwa als bei der Neuauflage ihres bekannten Buchs „Goethe und die arabische Welt“ (1988), das als überarbeitete Taschenbuchausgabe (2001) den Titel „Goethe und der Islam“ erhält, erscheint das Vorliegende unverändert. Die weltpolitische Dimension und Brisanz des Themas nicht weiter betonend – was dieser literaturwissen­schaft­lichen Arbeit wohl auch entspricht – tritt das politische Ausmaß ihrer frühen Forschung nicht (gleich) offen zutage.
„Goethe und 1001 Nacht“ lassen Goethe als Fürsprecher des Islams beziehungsweise des Ostens erscheinen; Goethe als Bewunderer von „1001 Nacht“ wird geradezu zum Exempel für den Dialog zwischen Christentum und Islam, denn dort sind Ethik und Moral nicht an eine Religion gebunden, der Dichter wird zum Brückenbauer zwischen deutscher und arabischer Welt beziehungsweise Literatur.
Dies ist der nicht unbedeutende Anteil von Mommsens Arbeit, den in unserer Kultur also vorhandenen Beitrag zum Transfer von Orient und Okzident offen gelegt zu haben – und das auch noch an einem der bedeutendsten Dichter der Deutschen.
Aktuell ist der Nahe Osten vermehrt im Mittelpunkt, allerdings aus ganz anderen Gründen als dies noch zur Goethezeit der Fall war und fast notwendiger Weise erregt auch das Thema „Goethe und der Orient“ (wieder vermehrtes) Interesse. Interkulturelle Konflikte beherrschen derzeit die Medien, statt einer offenen Wahrnehmung der islamischen Welt finden sich nunmehr häufig propagandistische, gefährliche Verengungen, der totalitäre Islamismus spukt angstvoll durch das Bewusstsein vieler Menschen und führt zu Feindbildproduktionen und zur Reduktion der „Anderen“ auf einschlägige Stereotype.
Hier zeigt sich der Wert von Mommsens Goethe- und Islam-Forschung, die sie seit mehr als fünfzig Jahren betreibt und die heute zunehmend kulturpolitische Bedeutung gewinnt.
Man darf doch nicht vergessen, dass das vorliegende Buch unabhängig von der weltpolitischen Dimension heutigen Ausmaßes entstanden ist, zunächst einmal als eine rein wissenschaftliche, manchmal etwas verschult anmutende, aber äußerst exakte und solide Forscherarbeit – ein close reading par excellence und eine überzeugende, grundlegende methodische Analyse im interdisziplinären Grenzbereich von Literatur­wissen­schaft und Orientalistik. Zuweilen fällt bei der Dissertationsschrift gleichwohl ein mechanischer Charakter auf, wenn Mommsen etwa anhand von (tabellarischen) Gegenüberstellungen, die Einflüsse von „1001 Nacht“ auf Goethes Schaffen nachzeichnet oder ein Motiv an diversen Beispielen geradezu durchexerziert. Des Weiteren lockt sie den Leser gelegentlich auf falsche Fährten, führt ihn in die Irre, indem sie (Motiv-)Quellen verfolgt, die sie im weiteren Verlauf wieder ausschließt.
Insgesamt handelt es sich um eine ausgezeichnete textnahe Arbeit, die zudem einen souveränen, kritischen Umgang mit der Sekundärliteratur pflegt. Inwieweit sich dann in ihrer wissenschaftlichen Quellenkritik, sprachkundigen Akribie und dem fundierten Spürsinn in „Goethe und 1001 Nacht“ ethische, politische kultur- und religionsgeschichtliche Bedeutungen finden lassen, muss der aktive Leser (von außen) ermitteln, wenn er diese auf die weltpolitische Situation des Zeitgeschehens anwendet. So mag man sich vielleicht fragen, warum beim Nachdruck kein neues oder zusätzliches Vorwort der Autorin zu dieser Thematik Eingang gefunden hat.
Ein Ergebnis von Mommsens Forschungen, die auch ins Arabische übersetzt worden sind, ist, dass Goethe ohne den Orient nicht Goethe wäre (und mit ihm große Teile der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert), was signifikant für die „Märchen“ von „1001 Nacht“ gilt. Diese Hochschätzung und Neubesinnung auf den Wert und den Rang des orientalischen Sammelwerks, das nicht nur für Goethe, sondern auch für die Literaturwissenschaft insgesamt eine so ungemein weit reichende Bedeutung hat, eröffnete den Weg, den der (heutige) Leser selber gehen muss. Ob Mommsens Werk – hier in der Neuauflage von 2006 – als Mittler zwischen radikalem Fundamentalismus und interkultureller, interreligiöser Toleranz zu fungieren vermag, hängt also von der Kompetenz und der Bereitschaft der aktuellen Leserschaft ab. Es bleibt zu hoffen, dass Goethes Verse aus dem „West-östlichen Divan“ ebenfalls in der heutigen Zeit wieder auf größeres und nachhaltiges Gehör stoßen, um den friedlichen und achtungs­vollen Dialog der Kulturen weiter voranzutreiben:

„Wer sich selbst und andere kennt
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.“

 

Mommsen, Katharina: Goethe und 1001 Nacht.
Mit einem Vorwort von Karl-Josef Kuschel. Aktualisierter reprografischer Nachdruck der ersten Ausgabe (Berlin 1960).
Bernstein Verlag, Bonn 2006.
333 Seiten; 23,80 EUR.
ISBN 978-3-9809762-9-9