Deutschland sucht seinen „Superstar“

Einblicke in die Arbeit eines „literaturwissenschaftlichen Philatelisten“ und Dokumentars: Franz Josef Wiegelmanns Buch zu Johann Wolfgang von Goethes „Leben, Werk und Wirkungsgeschichte im Spiegelbild der Presse seit 1832“

Von Norman Rinkenberger

Franz Josef Wiegelmann, pensionierter Personal- und Presseoffizier der Bundeswehr, widmet sich neben seiner Autorentätigkeit verstärkt der Archivierung und Auswertung seines umfangreichen  Pressearchivs, das annähernd 40.000 Zeitungen und Zeitschriften vom 16. Jahrhundert bis heute umfasst. Mit der vorliegenden Publikation macht er einer breiteren Öffentlichkeit seine themengebundene Sammlung bekannt.
Den Ausspruch „An den Nachruhm pfleg’ ich nicht zu denken, der ist für andere, nicht für mich“, den Goethe im Dritten Buch von Dichtung und Wahrheit dem Grafen Thoranc in den Mund legt, stellt Wiegelmann seinem Buch voran – wobei anzumerken ist, das Goethe gleich­wohl daran bewusst auch gearbeitet hat – und dieser Nachruhm Goethes in der Presse seit dessen Tod soll nachgezeichnet werden. Dazu geht Wiegelmann auf die heute oftmals vernachlässigte Bedeutung von Zeitungen und Journalen ein und greift (anhand seines historischen Pressearchivs) auf Tagesliteratur beziehungsweise Zeitungsartikel zurück. Dies hebt den Band von anderen, mehr literarisch orientierten Überblicken zu Rezeption und Wirkungs­geschichte Goethes – wie etwa das Standardwerk von Mandelkow „Goethe im Urteil seiner Kritiker“ – deutlich ab. So steht das Leben vor dem Werk des Dichters, denn Wiegelmann berücksichtigt all das, was (absatzorientierte) Journalisten ihrer (begehrlichen) Leserschaft über Goethe anboten und vermittelten, weshalb manch sehr Triviales, Anekdotisches, rein Unterhaltsames, Klatsch und Tratsch und natürlich Biografisch-Intimes zitiert wird.
Dem Buch liegt eine klare Struktur zugrunde; den sieben Kapiteln zu historischen Abschnitten – beginnend mit „Goethe und der Vormärz“, über die Zeit der Reichsgründung, das wilhelminische Deutschland, die Weimarer Republik, das zweite Kaiserreich, die Nazi-Zeit bis hin zur Nachkriegsära in Ost und West mit einem Ausblick ins 21. Jahrhundert – folgt jeweils ein kurzer Tafelteil mit Abdrucken der zitierten, originalen Zeitungsartikel, Scans von Journalseiten, Karikaturen und zum Teil farbigen Abbildungen. Der Band, welcher auf einem Vortrag aus dem Jahre 2003 basiert und der eine zweite, leicht ergänzte Neuauflage darstellt, richtet sich „nicht nur an eine literarisch interessierte Leserschaft […], die sich besonders Goethe verbunden fühlt“, sondern möchte auch alle Leser erreichen, „die sich für Fragen und Probleme der deutschen Zeitungs- und Pressegeschichte, sowie die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts interessieren“. Zudem versucht das Buch „anhand ausgewählter, nicht repräsentativer aber doch beispielhafter Presseberichte sichtbar zu machen“, wie sich die Goethe-Rezeption und das Bild des Weimarer Dichters in diesen Zeiträumen gewandelt hat, was die Zeitung als kollektives Gedächtnis erscheinen und manche Beiträge zu einem illustren Einblick in die Vergangenheit werden lässt – etwa wie bestimmte Gedenkfeiern im Detail aussahen und Ähnliches.
Wiegelmanns Werk besteht fortlaufend zu 80 Prozent aus Zitaten diverser (Tages-)Zeitungen, wobei die jeweils entnommenen Beiträge kursiv in der Originalfassung wieder­gegeben werden, was für eine nicht immer gelungene Optik sorgt und die Leserlichkeit zuweilen erschwert.
Die Berichterstattung kreist dabei oft um gleiche Themen: Immer wieder geht es um Jubiläumsfeiern zum Gedenken von Goethes Geburts- oder Todestagen, Diskussionen über Goethe-Denkmäler, Ehrungen, Kontroversen um Ausgaben seiner Werke, Aufführungs­prak­tiken und -Kritiken von Goethes Dramen (insbesondere „Faust“), die Goethe-Gesellschaft, Goethe-Geliebte sowie ihr Einfluss auf sein Werk und nicht zuletzt um die wiederkehrende – und in der steten, breiten Aufgreifung letztlich ermüdende – Frage, ob Goethe oder Schiller der populärere Dichter gewesen sei.
Der Leser erfährt, dass manche Journalisten mittels Goethe-Zitaten im Jahr der letztlich gescheiterten „Märzrevolution“ gegen die politischen Verhältnisse in Deutschland kämpften, dass es viele Stimmen gab, die vor einer Goethe-Überschätzung warnten und dass ebenso volksfestlicher Jubel um den Weimarer Dichter in zahllosen Artikeln aufblühte. Neben Theaterkritiken und Buchbesprechungen, die Goethes Popularität durch die Epochen bezeugen, gibt es Goethe-Geschichtchen und -Legenden.
Auf diese Weise zeigt Wiegelmanns Auswahl, wie Goethe immer wieder für politische, ideologische oder ökonomische Zwecke vereinnahmt, funktionalisiert oder missbraucht worden ist. Wenn Goethe einerseits von den Nazis hemmungslos zu Propagandazwecken für ihre menschenverachtende Ideologie, als Moralstärkung sowie für Durchhalteparolen für die Truppen heranzuziehen war und andererseits die Goethelektüre im KZ als Über­lebenshilfe wirken konnte sowie direkt nach Kriegsende als Beleg für ein humaneres Deutschland dienlich erschien und zu einem Appell der Menschlichkeit gedieh, dann wird doch überdeutlich, wie willkürlich die (Goethe-)Zitate zu benutzen und – herausgehoben aus ihren eigentlichen Kontexten – für durchaus kontradiktorische Motivationen zu instrumentalisieren waren (und sind). Ebenso wird Goethe zur Zeit des Kalten Krieges vereinnahmt und dies wird im Wettstreit der Systeme zwischen Ost und West noch verschärft.
Am Beispiel des Streit-Reports zwischen dem Philosophen Karl Jaspers und dem Romanisten Ernst Robert Curtius, der am Goethe-Kult entbrannte, wird allerdings Wiegelmanns Vorgehensweise anschaulich: Den Worten Jaspers, der 1947 zur Verleihung des Goethepreises eine sehr kritische Goetherede hält, wandte sich die erbitterte Rede von Curtius entgegen, dieser löste damit eine kontroverse Debatte aus, die bei Wiegelmann im Zitat der polemischen Aussagen des Österreichers Leo Spitzer ausläuft. Es bleibt so der unterschwellige Eindruck, dass eine – zumindest geringe – Erläuterung der Zitate fehlt, was dem Verständnis abträglich sein kann und die Position des Autors (und nicht nur des Sammlers) dürfte durchaus aufscheinen. 
Denn Wiegelmanns eigene Textpassagen, mit denen er die Pressebeispiele vorstellt, erlangen kaum den Status einer historisch-fundierten Kommentierung. Gerade aber anhand der Fülle und Länge des von ihm vorgelegten publizistischen Materials und eingedenk der höchst subjektiven Auswahl desselben, vermisst man als Leser zuweilen eine Art Leitfaden, der dies reflektieren und eine erkenntnis­fördernde Sorgfalt bei den (knappen) Anmerkungen leisten würde.
Ohne Frage handelt es sich bei dem Buch, das (bedauerlicherweise) „nicht den Anspruch einer wissen­schaftlichen Monographie“ erhebt – obgleich wissenschaftlich plaudernd – um eine fleißige und mühselige Recherchearbeit. Oftmals kommt die Detailverliebtheit des Sammlers zum Ausdruck, etwa wenn sich Wiegelmann in biografische Dehors verliert; darüber hinaus lässt sich der Autor vom Gestus der Journale anstecken, wenn er reißerisch wie flüchtig und mitunter erhobenen Zeigefingers durch die Geschichte schlendert.
An manchen Stellen entsteht indessen aus den Zitaten und Artikeln eine Art Dialog, indem in ihrer Wiedergabe Rede und Gegenrede kompiliert werden, eine Frage-Antwort-Collage; zudem gelingt die Subsumierung heterogener Themen unter die geschichtlichen Epochen. Und dennoch erscheint es fraglich, ob es sich um einen beispielhaften historischen Auszug handelt, ob die Informationen und Dokumente tatsächlich nach Relevanz und Qualität ausgewählt wurden; auch sind nicht alle Quellen der Goethe-Zitate angegeben.
Als Erkenntnis bleibt letztlich, dass die (dargelegte) Goethe-Rezeption durchweg zwiespältig und – wie in der Geschichte – unscharf ist, auch weil Goethe zu universell veranlagt war; große Fans des Dichters und Goethe-Epigonen wechseln sich mit harschen Goethe-Kritikern ab, glühende Bewunderung kontrastiert mit tiefgründiger Abneigung (insbesondere gegenüber dem ‚politischen Goethe‘). Dies erscheint als Konstante des Pressespiegels und so ist es – auch über die Zurücknahme des Autors – die Aufgabe des Lesers, sich aus der Flut der angebotenen Beiträge ein eigenes Goethebild bei der Rezeption zu erarbeiten.

 

Franz Josef Wiegelmann: Johann Wolfgang von Goethe. Leben, Werk und Wirkungsgeschichte im Spiegelbild der Presse seit 1832.
Mit einem Vorwort von Katharina Mommsen. Zweite, verbesserte und ergänzte Auflage.
Bernstein Verlag, Bonn 2006.
388 Seiten; 39,80 EUR.
ISBN 978-3-939431-01-5