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Von Christoph Schmitt-Maaß Eine ausformulierte Theorie der Kritik von Walter Benjamin existiert nicht – eine einheitliche schon gar nicht. Auch wenn er gegenüber Freunden immer wieder versprach, andeutete, ankündigte, eine solche vorlegen zu wollen: sie muss aus dem vielfältigen, disparatem Werk Benjamins erst konstruiert werden. Mit Erscheinen des sechsten Bandes der Gesammelten Schriften schien wenigstens der Blick auf die Denkwerkstatt Benjamins im Westen Berlins möglich, enthielt dieser doch die Fragment gebliebene „Aufgabe des Kritikers“. Heinrich Kaulen und andere haben sich der Aufgabe unterzogen, die ungeordneten Skizzen in Zusammenhang zum Benjaminschen Gesamtwerk zu setzen (dass erst mit Erscheinen der Gesammelten Schriften als „Werk“ rezipierbar ist), mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Klaus Garber nun geht einen gänzlich anderen Weg: er wählt den Briefwechsel Benjamins, der seit der hervorragenden Edition durch Christoph Gödde und Henri Lonitz (2000 abgeschlossen) erstmals vollständig vorliegt, zur Grundlage einer Rekonstruktion der Benjaminschen (Literatur)Kritik. Das scheint sinnfällig, hat Benjamin doch in etwa 1400 Briefen immer wieder nicht nur seinen Anspruch bekräftigt, „d'être considéré comme le premier critique de la littérature allemande“ (Brief vom 20. 1. 1930 an Gershom Scholem), sondern dies auch in einzelnen Fällen expliziert. Für Benjamin, der fast zeitlebens auf der Flucht war (vor wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Repressalien), nutzt das Medium des Briefes zur Kommunikation mit entfernten Freunden, aber auch zur Diskussionsplattform für eigene und fremde Ideen, Theorien und Ereignisse. So unternimmt Klaus Garber – ein ausgewiesener Kenner Benjamins, wenn auch als Frühe-Neuzeit-Forscher „eigentlich nicht zuständig“ (nun aber mit der Neuherausgabe der Benjamin-Werke betraut) – erneut die Aufgabe, das Benjamin´sche Universum zu erschließen. Seine nuancierte und textdichte Durchsicht fast sämtlicher Briefe teilt sich in drei Partien: während er zunächst (ohne Genette zu nennen, aber im Sinne von dessen Analyse der Paratextualität) den Brief als Medium bei Benjamin untersucht (von der Anrede bis zum Postskriptum) und dabei Benjamins intellektuelle Physiognomie im Spiegel seines Schriftwechsels unter anderem mit Theodor W. Adorno, Ernst Bloch, Bertolt Brecht und natürlich Gershom Scholem nachzeichnet, befasst sich Garber anschließend mit Benjamins ästhetischer Theorie und abschließend mit dessen literaturkritischer Barock-Rezeption nach Vollendung des Trauerspielbuchs (1924). Überzeugen kann vor allem die genaue Lektüre des umfangreichsten ersten Teils, die den Epistolar Benjamin als Schriftsteller zeigt, der dem Primanerscherz seiner fiktionalen Universität Muri ebenso viel Raum einräumt wie der Erörterung der jüdischen Selbstmorde 1938. Garber erliegt hier nicht den Verlockungen, den Spuren des Werkes in den Briefen zu folgen, quasi die Briefe als Zitatenkammer für die Lektüre der Großessays zu plündern. Vielmehr zeichnet er aus den Briefen selbst ein Bild des kritischen Theoretikers Benjamin und liefert so manche Präzisierung, wo nicht Korrektur hergebrachter Leseweisen. Auch der Schlussteil ist gelungen: Anhand von Benjamins Literaturkritiken zur rezenten Barockforschung zeichnet Garber nicht nur das Bild einer (bislang kaum aufgearbeiteten) frühen Benjamin-Rezeption, sondern kann Benjamins Lektüre des Barock, speziell des Trauerspielbuchs, präzisieren. Garbers Detailkenntnisse der Frühneuzeitforschung erlauben eine geschärfte Konturierung von Benjamins Verständnis und seinem (fast zwangsläufigen) Scheitern im akademischen Bereich der Barockforschung. Weniger überzeugen kann hingegen der zweite Teil, der der ästhetischen Theorie Benjamins bzw. dessen Abrechnung mit der in der Moderne immer noch virulenten idealistischen Ästhetik der Klassik gewidmet ist. Garbers Ausführungen zu Benjamins Denkbild ‚Weimar‘ versuchen sich in einer Transgression der benjaminschen Gedanken in dessen Sprache – leider ohne viel Neues beizutragen. Die Reflektionen über die Benjamin-Rezeption und das „vollendungsbedürftige Werk“ sichtet die Versäumnisse der 68er-Generation (die auch die eigenen Versäumnisse sind) und bietet Ansätze zu einer wirkungsästhetischen Rezeptionsgeschichtsschreibung, die heute – am Vorabend einer historisch-kritischen Benjamin-Ausgabe sinnvoll und notwendig wäre.
Klaus Garber: Walter Benjamin als Briefschreiber und Kritiker. |