Die Lücke zwischen „theoretischer“ Phonetik und Sprachrealität

Ein Arbeitsbuch zur Phonetischen Transkription des Deutschen

Von Markus Tönjes

Durch ihr „Arbeits- und Übungsbuch“ versuchen die Autoren Beate Rues, Beate Redecker, Evelyn Koch, Uta Wallraff und Adrian P. Simpson die phonetische Transkription möglichst praxisnah zu vermitteln und dadurch in „die Lücke zwischen ‚theoretischer‘ Phonetik und Sprachrealität“ vorzudringen. Dem Buch liegt eine CD bei, auf der man sehr viele gesprochene Beispieltexte findet. Das „Arbeitsbuch“ besteht aus insgesamt sechs Teilen, nach den  eher theoretisch ausgerichteten Einleitungen folgen praxisorientierte Übungskapitel.
Der erste Teil, betitelt „Theoretische Grundlagen“, beginnt mit einer zielgerichteten Einführung in das Alphabet der internationalen phonetischen Assoziation (IPA). Erfreulich ist, dass das Kapitel einen Abdruck des IPA nach neuster Fassung beinhaltet, der zudem deutschsprachig ist. Im ersten Kapitel wird kurz der Aufbau des IPA skizziert. Dabei fallen allerdings zwei Dinge negativ auf. Zum einen erwähnen die Autoren an dieser Stelle nicht den Zusammenhang zwischen Vokalquantität und -qualität, der gerade im Deutschen von besonderer Bedeutung ist (man denke an Minimalpaare wie <Miete> [mi:.t@] vs. <Mitte> [mI.t@]). Bereits an dieser Stelle wäre es sinnvoll gewesen, das Kriterium der Gespanntheit bei den „Grundeigenschaften“ der Vokale mit anzugeben. Zum anderen ist die Darstellung der Diphthongallophone höchst fraglich. Die Autoren entscheiden sich für die Allophone [ae^^], [o^^] und [O2^^]. In der Forschungsliteratur werden hingegen andere Darstellungen gewählt, die der faktischen Sprachrealität wesentlich besser entsprechen. So findet man im IPA-Handbook von 1998 und auch bei Eisenberg andere Diphthongallophone, nämlich [aI] [aU] [OI]   im IPA-Handbook respective [ai] [au] [Oi] bei Eisenberg. Leider geben die Verfasser keine Gründe für die von ihnen gewählte Darstellung an. Abgesehen von diesen beiden Kritikpunkten erfüllt dieses erste Kapitel seinen Zweck und führt den Leser recht übersichtlich in das IPA ein.
Im zweiten Kapitel versuchen die Autoren, die Beziehung zwischen Buchstaben und Lauten zu skizzieren. Dabei werden höchst komplexe Sachverhalte sehr knapp und vereinfacht dargestellt. So werden in Stichwörtern das phonologische, das morphematische, das historische, das grammatische und das semantische Prinzip behandelt. Dass all diese Punkte höchst komplex und innerhalb der Forschung umstritten sind, erwähnen die Autoren bedauerlicherweise nicht. Gerade an dieser Stelle wären weiterführende Literaturverweise wünschenswert gewesen. So hätte man unter anderem auf Eisenberg, Neef oder Ramers verweisen können, Ramers wird aber – im Gegensatz zu den anderen – im Literaturverzeichnis erwähnt. Man muss außerdem bedenken, dass man sich bei einer phonetischen Transkription nicht an der orthografischen Realisierungsform orientieren sollte. In diesem Zusammenhang wäre etwas mehr theoretische Reflexion nötig gewesen. Irreführend wirkt vor allem der dritte Abschnitt des zweiten Kapitels, in dem „Affrikaten und ähnliche Konsonantenverbindungen“ behandelt werden. Innerhalb der Forschung ist der Status der Affrikaten umstritten. Man denke etwa an Minimalpaare wie <Klotz> [klOts] vs. <Klops> [klOps] oder <Zeit> [tsait] versus <Neid> [nait]. Man kann hier sowohl für einen monophonematischen als auch für einen biphonematischen Status der Affrikaten argumentieren. Leider wird diese Problematik an dieser Stelle nicht weiter vertieft. Stattdessen wird der Affrikatenbegriff auf alle Plosiv-Frikativ-Verbindungen ausgeweitet. Insgesamt wird die Relation zwischen der phonetischen Transkription und der orthografischen Repräsentation in diesem Kapitel nicht ganz deutlich.
Als weiteres Kapitel folgt eine kurze Einführung in die Varietäten und Variation der deutschen Sprache. Dieser Abschnitt ist grundsätzlich zu loben, da ein praktischer Bezug zwischen soziolinguistischen Fragestellung und der phonetischen Transkription hergestellt wird. Es werden zudem neuere areallinguistische Konzepte wie der dialektale Rückgang zugunsten einer überregionalen Standardsprache erwähnt. Mit diesem Kapitel endet bereits der erste Teil des Buches, der insgesamt zu knapp ausgefallen ist. Hier hätte hätte sich an einigen Stellen mehr theoretische Reflexion und weiterführende Literaturverweise gewünscht.
Der zweite Teil des Buches, „Normative Transkription der deutschen Standardaussprache“, beginnt mit eine Einführung in die allgemeinen Ausspracheregeln der deutschen Standardaussprache. Zunächst gehen die Autoren auf den Begriff der Silbe ein. Auch an dieser Stelle hätte etwas mehr theoretische Tiefe nicht geschadet, auffällig ist hier der weitgehende Verzicht auf einschlägige Fachtermini wie etwa der Sonorität. Die Darstellung der Silben ist stark vereinfacht. So fehlt zum Beispiel die Skelettschicht. Zumindest für eine phonetische Transkription ist dieser Abschnitt ausreichend. Im Folgenden stellen Rues und ihre Mitautoren wesentliche Besonderheiten der deutschen Standardaussprache vor und erwähnen dabei alles, was für eine Transkription relevant ist. Es folgt ein Kapitel über Akzente, Pausen und Endsilbenrealisation. Auch hier ist eine zu große Oberflächlichkeit zu beklagen. Grundsätzlich fehlen Informationen etwa über Suprasegmentalia. Zudem hätte man in diesem Zusammenhang gut auf nützliche Software eingehen können. „Praat“ und „Wavesurfer“ werden zwar in einer Fußnote genannt, doch leider werden diese Programme im weiteren Text nicht mehr erwähnt. Der zweite Teil des Buches bietet aber ungeachtet seiner Defizite dennoch eine brauchbare Grundlage für die folgenden praktischen Beispiele.
Die Übungsaufgaben des dritten Teils zur normativen Transkription wurden gut ausgewählt und sind vom Schwierigkeitsgrad her angemessen. Alle im vorherigen Kapitel erwähnten Regularitäten können praktisch eingeübt werden. Zu loben ist vor allem die CD, auf der alle relevanten Aufnahmen vorhanden sind. Gerade für einen ungeübten Transkribenten sollte dieser Teil des Buches von Nutzen sein. Im anschließenden siebten Kapitel werden die einzelnen Übungsaufgaben sehr ausführlich besprochen. Allerdings wäre bereits hier ein Hinweis darauf angebracht gewesen, dass auch eine phonetische Transkription stets nur ein individueller Höreindruck ist, den man durch eine zweite Kontrolle absichern sollte. Ein Verweis auf einschlägige Software als Hilfsmittel wäre – wie bereits erwähnt – sinnvoll gewesen.
Im vierten Teil gehen die Autoren auf die „enge Transkription und das IPA“ ein. Erst an dieser Stelle nennen sie methodische Probleme, wie etwa, dass eine Transkription das „Resultat einer Interpretation des auditiv Wahrgenommenen durch den Transkribierenden“ sei. Besonders im Zusammenhang mit einer engen Transkription müsste man auf Hilfsmittel wie die bereits erwähnten Programme hinweisen. Jeder, der schon einmal transkribiert hat, weiß die Unterstützung durch entsprechende Software zu schätzen.
Wie bereits bei der breiten Transkription leiten die Autoren auch das Kapitel über die enge durch einige nützliche Hilfestellungen ein. Lediglich der Abschnitt 9.3. stört den positiven Eindruck dieses Kapitels ein wenig. Es ist zutreffend, dass bei jedem Sprecher individuelle Variationen auftreten, da jeder über ein gewisses Varietätenspektrum verfügt. Einem Unkundigen wird nicht ersichtlich sein, wie man nur anhand des Höreindrucks den Melodieverlauf einer Äußerung bestimmen kann. Spätestens an dieser Stelle wäre eine Einführung in die entsprechenden Diakritika für Suprasegmentalia wünschenswert gewesen.
Der fünfte Teil des Buches umfasst die Übungsaufgaben zur engen Transkription. Die Auswahl der Beispiele ist überaus gelungen. Selbst für erfahrene Transkribenten findet sich hier die ein oder andere Herausforderung. Wie üblich bei einem Übungs- und Arbeitsbuch werden im sechsten Teil Lösungsvorschläge für alle Aufgaben vorgestellt. Abgesehen von der erwähnten Darstellung der Diphthongallophone sind diese größtenteils nachvollziehbar.
Insgesamt zeichnet sich dieses Buch durch eine starke Diskrepanz zwischen einem sehr oberflächlichem Theorieteil und einem sehr gründlichen Praxisteil aus, was wohl leider dem Charakter des Buches geschuldet ist. Ein entsprechendes Kapitel etwa über nützliche Software wäre überaus wünschenswert gewesen. Positiv fallen vor allem die gut ausgewählten Hörbeispiele auf. Als einführendes Werk ist dieses Arbeitsbuch weniger geeignet, da doch sehr viele theoretische Fragestellungen ausgeklammert oder vereinfacht werden. Wenn man aber von diesen theoretischen Mängeln absieht und diese durch andere Bücher zu kompensieren versucht, kann der praktische Teil des Buches recht nützlich sein. Der Versuch, die Lücke zwischen „theoretischer“ Phonetik und Sprachrealität zu schließen, gelingt jedoch nicht im gewünschten Umfang.  

Beate Rues, Beate Redecker, Evelyn Koch, Uta Wallraff, Adrian P. Simpson: Phonetische Transkription des Deutschen. Ein Arbeitsbuch.
Gunter Narr Verlag, Tübingen 2007.
155 Seiten, 19,90 EUR
ISBN   978-3-8233-6291-3