Basiswerk für den gebildeten Einsteiger

Wolfgang Ludwig Schneiders „Grundlagen der soziologischen Theorie“ in der zweiten Auflage

Von   Martin Urban

In der zweiten Auflage seiner Lehrbuchreihe stellt Dr. Wolfgang Ludwig Schneider die wesentlichen evolutionären Gedanken der Soziologen Max Weber, Talcott Parsons, George H. Mead und Alfred Schütz (Band 1) beziehungsweise Harold Garfinkel, Jürgen Habermas, Niklas Luhmann und der „Rational Choice“-Theorie (Band 2) vor. Die perpektivenspezifischen, meist handlungstheoretischen Ausführungen bilden einen gemeinsamen einheitlichen Kontext aus sich zum Teil überschneidenden, zum Teil auch exklusiven Bezugsproblemen.

Dabei wird stets auf einen Bezug von detaillierten Erläuterungen auf die Relevanz für den Gesamtkontext geachtet, der sich wie ein thematischer Leitfaden durch das Buch zieht; es ist das Problem und die Lösung von sozialer Ordnung aus soziologischer Mikro - und Makroperspektive.

Nach einer kurzen Einleitung in die Thematik des Buches und einer knappen Erläuterung des historisch wissenschaftlichen Gesamtzusammenhangs beginnt Schneider mit einer Darstellung des Handlungsbegriffs nach Max Weber.

Die von zahlreichen Originalzitaten begleitete Ausführung der Perspektive Webers beginnt mit einfachen, grundlegenden Strukturen sozialer Ordnung. Dabei spielt der subjektiv gemeinte Sinn eine wesentliche Rolle bei der Gestaltung von Kommunikation und wird hier in Abgrenzung zur Psychologie zum soziologischen Grundwerkzeug theoretischer Überlegungen.

Das Ereignis des gemeinsamen Verstehens vor dem Hintergrund einer Zweckrationalität begleitet den Leser auf den folgenden fünfzig Seiten auf den Spuren von Webers hermeneuthischer Soziologie. Dabei nähert sich der Autor den verschiedenen Handlungsdefinitionen Max Webers (zweckrational, wertrational, affektuell und traditional) mit konkreten Beispielen und schafft mit Hilfe dieser Differenzierung ein Verständnis für die Denkstrukturen Webers einerseits und für die konkret auf die Soziologie angewendete Logik andererseits. Dabei sind etwa die Differenzierungen zwischen Handlung, sozialer Handlung und sozialer Beziehung sehr leserfreundlich in tabellarischer Form dargestellt und lassen somit ein rasches Verständnis zu. Neben Erläuterungen über die Reproduktion und die Stabilität sozialer Ordnung durch Sitten, Moden oder interessenbedingtem zweckrationalen Handeln fehlt auch Webers Begrifflichkeit von Macht und Herrschaft nicht. Eine Ausführung über dessen Perspektive der Evolution von effizienter Ökonomie auf der Grundlage des asketischen Protestantismus rundet das erste Kapitel ab.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit dem Problem sozialer Ordnung aus dem akteursspezifischen Blickwinkel Talcott Parsons dargestellt. Zentral ist hierbei, dass sich der Akteur bei der Selektion seiner Handlungsmöglichkeiten, wie auch bei der Interpretation an normativen Standards orientiert. Hierauf aufbauend wird der sogenannte „action frame of reference“ (S.85). Aus dem anschließend erläuterten utilitaristischen Dilemma folgt ein Problem sozialer Ordnung, die Hobbes'sche Darstellung eines anarchischen Prinzipes als Folge eines unterstellten Rationalismus, welches Parsons mit Hilfe der Normenkonformität löst. Hierbei werden auch einige weiterführende Thesen Parsons angeführt, die sich mit Wertbildung, Wertkonflikten und Norminterpretationen aus akteursspezifischer Sicht beschäftigen. „In der weiteren Entfaltung der Parsonschen Theorie werden die [...] eingeführten Unterscheidungen zu unterschiedlichen Systemen verselbstständigt und in einem neuen Rahmen miteinander verbunden“ (S.111) und damit in einem systemtheoretischen Kontext erläutert. Die sich aus den erläuterten Modi der motivationalen Orientierung egebenden Handlungstypen werden im Anschluss mit denen Webers verglichen und mit einer Einführung in die Theorie der pattern variables und das systemtheoretische AGIL-Schema eingeleitet und anhand diverser Beispiele verdeutlicht. Das sich ergebende gesellschaftliche Bild einer segmentär, funktional und stratifikatorisch differenzierten Kumulation von Subsystemen, die durch symbolische generalisierte Interaktionsmedien integriert werden schließt dieses Kapitel und leitet in die erste Begrifflichkeit George H. Meads ein. Die Einführung in die Mead'sche Thematik erfolgt über eine verhaltenstheoretische Perspektive, ähnlich wie anfangs bei Max Weber. Die Gestenkommunikation in Form von Lautgesten bildet hier die strukturelle Basis für eine weitere Argumentationsstruktur. Die Reziprozität der einzelnen Akteure stellt dabei die Grundlage für die Entstehung sogenannter signifikanter Symbole dar, die für Mead eine Voraussetzung für die richtige Interpretation eines subjektiv gemeinten Sinns sind. Die Lösung einer direkten Reiz-Reaktion ist die Folge daraus und konstituiert damit auch ein mögliches Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Tier, da hieraus erst kontrolliertes Handeln entstehen kann. Die Spiegelbildtheorie wird hier zwar nicht explizit genannt, doch erfährt der Leser durch die Ausführungen Schneiders, wie es nach der Mead'schen Logik sein kann, Objekte in Differenz zum Subjekt wahrzunehmen und sich durch Unterscheidung selbst zu konstituieren.

Dabei entsteht laut Schneider in der Mead'schen Theorie das Selbstbewusstsein durch Reflexion, denn „der im Denken realisierte Selbstbezug wird möglich durch die innere Reproduktion der Struktur des Dialogs, bei der ein Gedanke zum Objekt der Beobachtung durch einen nachfolgenden wird.“ (S.207) Hier werden auch die Mead'schen Begriffe des „self“, des „I“ und des „me“, beziehungsweise das „play“ und das „game“ erläutert. Im vorletzten Kapitel des ersten Bandes wird der soziologische Blickwinkel Alfred Schütz' vorgestellt. Hier wird zunächst auf die Unterschiedlichkeit der Perspektiven und Interpretationsschemata von Akteur und Beobachter hingewiesen und damit einhergehend der Begriff des subjektiven Sinns radikalisiert. Der Begriff der Lebenswelt taucht hier zwar noch nicht auf, doch versteht der Leser durchaus, warum es zum allgemeinen Verständnis nicht zwingen notwendig ist und scheinbar auch nicht sein kann, dass sich zwei Akteure vollkommen verstehend überlappen. Die Lösung stellen hier Typisierungen dar, die helfen sollen, die Motivsystematik der Schütz'schen Weil- und Um zu-Motive in der Empirie zu verstehen. Die Typisierungen von Schütz vergleicht Schneider mit dem Mead'schen Begriff des verallgemeinerten Anderen, beziehungsweise mit dem   Begriff der Rollen bei Parsons und schafft somit einen verständlichen Überblick. Dieser Begriff wird weiterführend abstrahiert, Schneider zeigt hier allerdings auch die Grenzen der Verständigung aufgrund inkongruenter Relevanzstrukturen auf. Eine Gliederung der Kommunikationsbeziehungen in die Umwelt, die Mitwelt und die Vorwelt verdeutlicht die nachfolgenden Erläuterungen über die Relevanz einer kommunikativen Rückmeldung als Bestätigung korrekter Interpretation. Immer wieder werden Vergleiche zu den Aussagen der bereits besprochenen Autoren gezogen und somit ein intrasoziologischer Interpretationskontext generiert, der immer auch eine Basis für einen abschließenden Überblick darstellt.

Der zweite Band beschäftigt sich in seinem ersten Kapitel mit der praktisch experimentellen Herangehensweise von Harold Garfinkel. Mit Hilfe seiner Krisenexperimente werden künstliche Missverständnisse produziert und es kann die Problematik der   Intersubjektivität deutlich dargelegt werden. Garfinkel stellte die subjektiven Interpretationsleistungen einzelner Akteure in den Mittelpunkt seiner Forschung. Allgemeine Regeln der sogenannten „Interpretationsgemeinschaften“ (S.34) können dabei lediglich eine Hilfe sein, das letzte Verständnis jedoch hat das Subjekt kontextabhängig auszuwählen. Deshalb kann bei Garfinkel das Problem sozialer Ordnung immer wieder gelöst werden und bleibt damit ein dauerhafter Zustand. Passenderweise untersucht Schneider im Anschluss die thematische Reinterpretation der Parson'schen Position nach den untersuchten Prämissen Garfinkels. Schneider stellt Garfinkels Ergebnisse der Konversationsanalyse im dar und zeigt die Stabilisierungsfaktoren von Kommunikation mit Hilfe der „Nachbarschaftspaare“ (S. 55) beziehungsweise der „dritte[n] [...] Sequenzposition“ (S.63) Erst die gegenseitige Bestätigung korrekt zugewiesener Semantiken schafft die Möglichkeit richtiger Interpretation und damit die sequentielle Lösung des Problems sozialer Ordnung. Im folgenden Kapitel wird erstmals kein Autor vorgestellt, sondern ein Denkansatz. Die „Racional-Choice-Theorie“ wird über die Vorkenntnisse der vorangegangenen Erläuterungen eingeführt und die Bezugsprobleme klassisch anhand des Gefangenendilemas und der Spieltheorie verdeutlicht. Ein sehr interessantes empirisches Beispiel über einen Bericht sich gegenüber stehender britischer und deutscher Soldaten im zweiten Weltkrieg zeigt eine Möglichkeit zur Generierung sozialer Ordnung ausgehend von dieser egoistischen Perspektive der „Racional-Choice-Theorie“.

Schneider zeigt, dass durch die Überlappung der Ziele einzelner Akteure eine Vereinbarung von egoistischem und gleichzeitigem altruistischem Handeln möglich ist. Erläuterungen über eine Analyse von Fluchtpaniken durch Coleman bestätigen diesen Ansatz. Schneider erklärt, inwiefern es durch Unsicherheiten bei rationalen Entscheidungen zu einer scheinbaren Auflösung von Rationalität kommt. „Der Versuch rationaler Kalkulation scheitert an einem Unendlichkeitsproblem“ (S.127). Dies wird aus der mathematischen Perspektive Essers und dessen Formeln zur Entscheidungsfindung erklärt. Weiterhin beleuchtet Schneider das Problem zur Lösung sozialer Ordnung aus dem Blickwinkel der „Racional-Choice-Theorie“ auf verschiedene Arten. Er zeichnet anhand von praktischen Bezügen ein umfassendes theoretisches Bild über die Entstehung und die Lösung von gemeinschaftlicher Stabilität aufgrund von individueller Nutzenmaximierung.

Im vorletzten Kapitel des zweiten Bandes wird die Theorie kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas erklärt. Schneider beginnt seine Erläuterungen mit der Sprechakttheorie und stellt die Differenzierungen vor, die von Habermas aufgezeigt wurden, um dessen strukturelles Konzept zu zeigen. Dabei schildert er die verschiedenen Sprechhandlungen (konstativ, regulativ und repräsentativ) mit ihren Kontexten, Funktionen und Geltungsansprüchen. Schneider zeigt, dass Habermas die Zweckrationalität (Weber, Racional Choice ), die Normenkonformität nach Parsons und auch die Darstellung der akteursspezifischen Persönlichkeit nach Goffman im Kontext einer gemeinsamen Theorie integriert. Durch die Erläuterung des Begriffs der Lebenswelt beschreibt er diese Ansätze und geht dabei auf die strukturellen Komponenten der Lebenswelt (Kultur, Gesellschaft und Persönlichkeit) ein und zeigt die Entkoppelung von System und Lebenswelt in textlicher und graphischer Form in ihrem historischen Verlauf. Dabei stehen sich Ökonomie und Politik als Systeme und Wissenschaft und Kunst als Lebenswelten gegenüber, generalisierte Steuerungsmedien helfen dabei, die Teilbereiche in einer funktional differenzierten Gesellschaft zu stabilisieren. Die gesellschaftskritische Position Habermas zeigt die Einflussnahme der systemischen Mechanismen auf die Lebenswelt, die dadurch eingeschränkt wird. Die aktive Konstitution einer Lebenswelt durch Expertenwissen und Politik skizziert hierbei eine gesellschaftstheoretische Empfehlung. Ausgehend vom Begriff der Komplexität, den Schneider als „Überfülle der Möglichkeiten des Erlebens und Handelns“ (S.251) beschreibt, leitet er in die Systemtheorie Luhmanns ein. Das Bezugsproblem der Komplexität intendiert die Notwendigkeit von   Selektionsleistungen. Die Einschränkung der Selektionsmöglichkeiten funktioniert bei sinnverarbeitenden Systemen dabei mit Hilfe des Sinns. Dieser wird , wie Schneider zeigt, durch kognitive und normative Erwartungshaltungen unterstützt, die die Strukturen des Systems gegen Abweichungen stabilisieren.

„Ein System kann sich nur dadurch von seiner Umwelt unterscheiden, daß im System weniger möglich ist als in der [komplexen] Umwelt“ (S.379). Dies ist seine Existenzberechtigung. Am Beispiel eines Thermostats beschreibt Schneider auch den Umgang anderer Systeme mit Reduktionslösungen, bleibt aber thematisch bei der Soziologie. Ein soziales System ist ein lernendes Objekt, dessen Strukturen momentan stabil aber im zeitlichen Verlauf veränderlich sind. Das Bezugsproblem der doppelten Kontingenz löst er mit dem Meadschen Konzept einer reziproken Perspektivenübernahme. Nun folgt mit der Einführung des Begriffs autopoietischer Systeme allerdings ein Perspektivenwechsel. Systeme werden als geschlossene dynamische Objekte betrachtet, die sich lediglich auf sich selbst beziehen, also nur selbstreferenziell agieren. In den folgenden Eräuterungen werden des weiteren Begriffe wie Handlung, Kommunikation, doppelte Kontingenz und Intersubjektivität vor dem Hintergrund der Luhmann'schen Systemtheorie erklärt. Im Zuge dessen wird gezeigt, inwiefern sich das System Gesellschaft mit einer wachsenden Zunahme von Fernkommunikationsmedien ausdehnt, sich funktional differenziert und damit stets neue Komplexitäten produziert. Die Komplexitätsreduktion übernehmen dabei   symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien, wie etwa Geld und Macht, sowie deren binäre Codes. Schneider geht auch auf die strukturellen Koppelungen und Integrationen zwischen Systemen ein, wobei er zeigt, wie sich Systeme gegenseitig beeinflussen, obwohl sie autopoietisch sind. Eine systemtheoretische These zur gesellschaftlichen Evolution konstituiert Schneider in der reflexiven Planung und Selbststeuerung der Systeme.

In einem letzten Kapitel werden die in dem Buch besprochenen Ansätze kompakt dargestellt, miteinander verglichen und Gegensätze aufgezeigt. Schneider bietet einen klaren Überblick über die Perspektiven der hier besprochenen Autoren und ordnet diese überaus strukturiert. Die Zusammenfassungen nach jeder vorgestellten Theorie helfen dem Leser, das Gelesene thematisch zu verarbeiten. Die Sprache ist nicht sonderlich komliziert, ein Grundverständnis soziologischer Semantik ist jedoch durchaus anzuraten. Schneiders Ziel, einen Überblick über die dargestellten Autoren und Theorien zu geben, ist überzeugend geglückt. Dabei nähert er sich dem zentralen Problem der Lösung sozialer Ordnung stets mit Hilfe von Bezugsproblemen, denen sich eine Theorie, beziehungsweise deren Autor stellt und die er im Anschluss ausführlich, korrekt und verständlich löst, wobei er auch ggf. auf Unzulänglichkeiten hinweist. Graphische Darstellungen helfen dabei, Theoretisches zu verbildlichen. Dr. Wolfgang Ludwig Schneider schafft es in seinem Lehrbuch mit Hilfe der Methodiken der Theoriekonstruktionen einen klaren Überblick der Thematik herzustellen und bietet damit ein gelungenes Basiswerk für den   vorgebildeten Einsteiger.

Wolfgang Ludwig Schneider: Grundlagen der soziologischen Theorie. Band 1: Weber - Parsons - Mead – Schütz.
Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005.
311 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN 978-3-531-33556-8

Wolfgang Ludwig Schneider: Grundlagen der sozilogischen Theorie. Band 2: Garfinkel - RC - Habermas – Luhmann.
Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005.
460 Seiten, 29,90 EUR
ISBN 978-3-531-33557-5