O du höheres Wesen, das wir verehren!

Das umstrittene Evolutionslehrbuch von Junker und Scherer erstrahlt in neuem Hochglanz

Von Willem Warnecke

Beachtlich ist er, der Erfolg, der dem Werk „Evolution – ein kritisches Lehrbuch“ der Biologen Reinhard Junker und Siegfried Scherer beschieden ist: Gelobt wird es gleichermaßen von Schülern, Lehrern und Fachwissenschaftlern („Endlich mal eine klare, übergreifende Darstellung, in der auch die Ungereimtheiten der Evolutionstheorie nicht ausgespart werden.“). Im Jahr 2002 wurde es gar mit dem „Deutschen Schulbuchpreis“ ausgezeichnet und hat entsprechend nun schon die 6. Auflage erreicht.

Junker und Scherer stellen in ihrem Werk in 15 Kapiteln die gegenwärtige Evolutionsforschung dar: das Fundament (Wissenschafts- und Erkenntnistheorie, Geschichte), die Grundbegriffe (Artbegriffe, Taxonomie), die kausale (auf organismischer und molekularer Ebene) und die historische Forschung (Vergleichende Biologie, Paläontologie). Das abschließende 16. Kapitel des Buches widmen Junker und Scherer der „Deutung des Lebens unter Voraussetzung von Schöpfung“. Entsprechende Forschungsansätze (etwa zum ‚Grundtypen‘-Konzept oder zu nicht ungerichteter Entwicklung) werden bisweilen jedoch auch schon in den vorangegangenen Kapiteln behandelt: Es geht den Autoren darum, zu zeigen, dass zwar ‚Mikroevolution‘ – „Evolution innerhalb vorgegebener Organisationsmerkmale; quantitative Veränderung bereits vorhandener Organe, Strukturen oder Baupläne“ (53) – eine Tatsache sei, hingegen die Möglichkeit von ‚Makroevolution‘ – „Entstehung neuer, bisher nicht vorhandener Organe, Strukturen und Bauplantypen; damit verbunden auch die Entstehung qualitativ neuen genetischen Materials. In diesem Sinne wird hier der Begriff ‚Höherentwicklung‘ (Anagenese) verwendet“ (53) – ausgeschlossen werden müsse.

„Das an Schüler, Studenten, Lehrer und Interessierte gerichtete Buch“ verfolgt als „das grundlegende evolutionskritische Lehrbuch“ (so die Eigenwerbung auf der Homepage der „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“, deren Geschäftsführer Junker ist) selbstredend einen anderen Anspruch und spricht eine andere Sprache, als es etwa die vielen populärwissenschaftlichen Bestseller à la Sacks, Ramachandran oder Pinker tun. Richard Dawkins und Daniel Dennett, die die Evolutionstheorien und naturalistischen Biowissenschaften mithin am öffentlichkeitswirksamsten gegen religiöse Schöpfungsgedanken vertreten, gestalteten sowohl ihre „Klassiker“ („Das egoistische Gen“, „Der blinde Urmacher“, „Darwins gefährliche Idee“) als auch ihre gerade erst 2006 erschienenen Bücher einheitlich philosophisch-essayistisch: Während Dawkins seine gewitzten Ausführungen in „The God Delusion“ mit Zitaten der großen Philosophen Emerson, Einstein und George Carlin schmückt, hält es Dennett in „Breaking the spell“ eher mit Cole Porter und Duke Ellington. An diesen Stil möchte vermutlich auch der profilierteste deutsche Kreationisten- und -musgegner, der Biologe Ulrich Kutschera, anschließen, wenn er in sein „Streitpunkt Evolution“ zumindest Gary-Larson-Cartoons aufnimmt.

Das Lehrbuch von Junker und Scherer hingegen besticht durch eine grundsätzlich andere Aufmachung. Auf hochgeistig Anheischiges und intellektuelle Verspieltheiten, aber auch auf anderswo mitunter vorkommende „bloße“ klotzköpfige Konstatierungen („Evolution ist eine Tatsache!“) verzichten die Autoren zugunsten von unvoreingenommenen, übersichtlichen, klaren, naturwissenschaftlich-sachlichen Darstellungen fachwissenschaftlich fundierter moderner Erkenntnisse.

Soweit zumindest der Anschein. Denn obgleich genannter Eindruck in weiten Teilen sogar gerechtfertigt ist, lässt das Lehrbuch bezüglich etlicher zentraler Punkte einiges zu wünschen übrig. Um ein letztlich wenig fruchtbares fachwissenschaftliches Katz-und-Maus-Spiel zu vermeiden, sollen hier Fachfragen der Objektebenen weitgehend zugunsten der Thematisierung der wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Metaebene zurückgestellt werden.

Stutzig wird der Leser, wenn bei der Lektüre klar wird, dass Junker & Scherer einerseits immer auf (angeblich) strittige Aspekte gängiger evolutionsbiologischer Theorien vehement hinweisen und diese dabei oftmals gegeneinander auszuspielen suchen, dass sie gleichwohl andererseits ‚Evolutionsalternativen‘ in aller Regel unangefochten wiedergeben. Dass die Autoren selbst genau solche Forschungsergebnisse, etwa die des ‚Intelligent Design‘-Verfechters Wolf-Ekkehard Lönnig (vergleiche S. 67, 86), begrüßen, steht außer Zweifel. Speziell bei einem ‚grundlegenden Lehrbuch‘ ist es jedoch höchst problematisch, jene auch dem hinsichtlich der jeweiligen Thematik unter Umständen nicht vorgebildeten Leser nicht selten en passant und ohne Nennung von durchaus vorliegenden Refutationen zu präsentieren: Vergleiche dahingehend etwa M. Young und T. Edis (2006): „Why Intelligent Design fails“; Lönnigs „genaue Analyse“ (86) der Nichtevolvierbarkeit des Linsenauges in „Auge widerlegt Zufalls-Evolution“ (1989) kann überdies nicht erst durch neuere biologische Forschungsergebnisse, sondern etwa schon durch W. F. Gutmann & K. Bonik (1982): „Kritische Evolutionstheorie“ ausgehebelt werden.

Zumindest kann hier also nicht von einer unvoreingenommenen Darstellung die Rede sein. Und allein für diejenigen, die nicht um Lönnigs ureigenstes Forschungsinteresse wissen, gibt entsprechend die folgende Äußerung – die einen darstellenden Abschnitt abschließt, zu der keine weiteren Erläuterungen gegeben werden – einen überraschenden bzw. überhaupt nur bemerkenswerten Sachverhalt wieder: „Dieser von Lönnig (1993) entwickelte Ansatz ist vor allem im Rahmen des Grundtypenkonzepts interessant.“ (62)

Unter einem ‚kritischen Lehrbuch‘ könnte man sich jedenfalls auch etwas anderes vorstellen: Die Kantischen ‚Kritiken‘ sind schließlich auch keine gegen Vernunft und Urteilskraft gerichteten Schriften. Die grundsätzliche, vehement verbalisierte Ablehnungshaltung jedoch, die Junker und Scherer gegenüber der Möglichkeit von evolutiver Anagenese und damit Zusammenhängendem an den Tag legen, bringt im wahrsten Sinne des Wortes komische Früchte hervor: „Die erhebliche Vergrößerung der Früchte bei der Kulturform [der Erdbeere] geht meist auf Kosten des Geschmacks.“ (66)

Zu bedenken gilt es bei der eingangs aufgeführten, überaus positiv anmutenden Bilanz auch, dass der „Deutsche Schulbuchpreis“ nicht von einem staatlichen Gremium, sondern „nur“ von einem eingetragenen Verein vergeben wird. Dieser zeichnet Publikationen aus, die Schülern „die Ehrfurcht vor Gott, Nächstenliebe, Toleranz und Dialogfähigkeit auf der Grundlage einer eigenen ethisch hohen, christlichen Überzeugung vermitteln“ – Kriterien, die augenscheinlich eher den in anderen Jahren bedachten Werken, Titeln wie „Glaube und Leben“ oder „Religion am Gymnasium“, gerecht werden, als ausgerechnet einem Biologiebuch. 1992 verlieh das Kuratorium übrigens eine „Ehrenmedaille an den ‚mutigen Verleger‘ Ulrich Weyel: ‚Entstehung und Geschichte der Lebewesen‘“ – unter diesem Titel wurde das Evolutionslehrbuch bis zu seiner 3. Auflage publiziert. Weiterhin ist es in keinem Bundesland als offizielles Lehrmittel zugelassen (wenngleich es dort, wo ‚Lehrfreiheit‘ besteht, ergänzend im Unterricht verwendet werden kann – und teilweise wird), die 1987 für die 1. Auflage in Bayern und Baden-Württemberg gestellten Anträge auf Zulassung als Lehrmittel waren abgelehnt worden.

Und wen kann das verwundern – gerade, wenn man sich die älteren Auflagen ansieht: Die Überarbeitung ist insbesondere dem Wissenschaftstheorie-Kapitel zugute gekommen, hat jenes doch gegenüber früheren Fassungen etliches an Amateurhaftigkeit verloren. Vormals konstatierten Junker und Scherer noch anhand eines Zitats aus dem (im Zusammenhang der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie sowie auf dem von Ihnen angestrebten Niveau nun wirklich nicht einschlägigen) ‚dtv-Atlas Biologie‘: „Naturwissenschaft [Singular!] fragt also nicht, ob ihre Aussagen in einem metaphysischen Sinne ‚wahr‘ sind, sondern nur, ob sie in keinem Widerspruch zu objektiven [sic!] Daten und logischen Verbindlichkeiten stehen.“ (16) Inzwischen haben sie diesem naiven Realismus – die Zurückweisung solcher Metaphysik war quasi das Hauptunterfangen der Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts – aber erfreulicherweise abgeschworen und „belassen“ es weitgehend bei dem Anspruch auf „intersubjektiv [d.h. personeninvariant] prüfbare und reproduzierbare Befunde“ (12) naturwissenschaftlicher Theorien. Würden sie diese Haltung ernsthaft und konsequent einnehmen (was sie nicht tun, dazu unten mehr), hätten Junker und Scherer durchaus etlichen Fachwissenschaftlern, etwa auch Dennett und Dawkins, etwas voraus. Denn Viele haben (immer noch) nicht erkannt, dass der bei einem solchen Ansatz erhobene Anspruch nur scheinbar schwächer ist, als der einer realistischen Position – nicht zuletzt, da viele erkenntnistheoretische Probleme vermieden werden.

Entsprechend jener Wahrheits- bzw. Wirklichkeits-Auffassung weisen sie jedenfalls den Atheismus, der die Grundlage der experimentellen Wissenschaften darstellt, inzwischen zu Recht als einen ‚methodischen‘ aus – verkennen dabei jedoch völlig, was der Ausdruck überhaupt anzeigen soll: Er kennzeichnet die keine metaphysisch-ontologische Wahrheit beanspruchende Selbstbeschränkung der (Natur-)Wissenschaftler, in ihren Erklärungen, Modellen und Theorien keine übernatürlichen Faktoren zuzulassen. Auf den Zweck, dem diese Selbstbeschränkung dient, gehen Junker & Scherer ebenfalls nicht ein. Dabei ist es doch selbsterklärend, warum eine naturwissenschaftliche Erklärung nicht auf Übernatürliches – „nicht-materielle“ (14) oder „transzendente“ (17) Faktoren – rekurrieren darf.

Gegenüber vorigen Fassungen ebenfalls abgeschwächt wurde mit der Überarbeitung für die 6. Auflage die stellenweise schon an hämische Verunglimpfung erinnernde Darstellung der Historie der Naturwissenschaften als vornehmlich Geschichte der kleinen und großen Irrtümer, denen Mendel, Lamarck, Cuvier, Darwin etc. aufgesessen seien. Rhetorisch grundsätzlich geschickt angelegt, mag ihre Dokumentation – auch noch in der gegenwärtigen Fassung – daher beim Leser unterschwellig die Vermutung aufkommen lassen, die Aufgabe und Überwindung des Makroevolutionsgedankens würde sich als Fortschritt geradezu problemlos in den Gang der Wissenschaft Biologie eingliedern. Denn dass Schöpfungstheorien Ergänzungen oder gar echte Alternativen zu (gewissen Teilen von darwinistischen) Evolutionstheorien seien, behaupten Junker und Scherer schließlich ganz explizit (vgl. 290). Weiterhin besteht ihnen zufolge der Zweck von ‚Intelligent Design‘-Anschauungen „darin, Zusammenhänge zwischen Daten herzustellen und zu neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen.“ (20)

Doch ist dem tatsächlich so? Können der ‚Intelligent Design‘-Ansatz bzw. ganz allgemein Theorien „unter Voraussetzung von Schöpfung“ als ‚(Natur-)Wissenschaft‘ gelten? Genügen sie Kriterien der Wissenschaftlichkeit?

„Die Vertreter des Systemtheorie der Evolution und der Kritischen Evolutionstheorie weisen auf notwendige Voraussetzungen für ein Verständnis von Makroevolution hin, ohne plausible Mechanismen dafür angeben zu können.“ (95) Während man die Gültigkeit dieser Behauptung durchaus bestreiten kann (vgl. etwa M. Gutmann (1996): „Die Evolutionstheorie und ihr Gegenstand“), gilt unzweifelhaft, dass ‚Intelligent Design‘-Vertreter selbst eine Grundtypenschöpfung konstatieren, ohne darauf einzugehen, wie ‚Schöpfung' eigentlich funktioniert: Wie macht der Designer das? Der erhobene Anspruch wird nicht erst dadurch kompromittiert, dass Junker & Scherer offen eingestehen, „dass der Schöpfungsakt an sich nicht naturwissenschaftlich beschrieben werden soll und kann.“ (296)

Während die dem ‚methodischen Atheismus‘ anhängende Naturwissenschaften für ihre Erklärungen keine grundsätzlich unerklärten (oder -baren) Elemente zulassen, bietet für den ‚Intelligent Design‘-Ansatz die Postulierung eines Dogmas wie des folgenden wohl kaum die Plausibilität, die Junker und Scherer im Rahmen ihrer wissenschaftstheoretischen Vorüberlegungen (vgl. Kapitel 1 und 16) für wissenschaftliche Theorien selbst einfordern: „Ein Schöpfer ist in der Anordnung der Bauteile frei, unterschiedlichste Kombinationen und Konstellationen zu verwirklichen. Verschiedenste Baustein-Muster sind daher im Rahmen von Schöpfungsanschauungen zu erwarten und naheliegend.“ (91) Diese Feststellung ist umso verblüffender, als zwar der Begriff ‚Schöpfung‘ der Bibel entstamme, doch dem „Konzept des ‚Intelligent Design‘ keine bestimmte Offenbarung und kein Gottesbild zugrundegelegt“ (18) sei! Letzteres ist übrigens zumindest dahingehend durchaus korrekt, dass etliche Theologen im Schöpferbild des ‚Intelligent Design‘-Ansatzes nicht den Gott der Bibel zu erkennen vermögen. Doch woher wissen Junker und Scherer dann um die (vermeintlich) faktischen Fähigkeiten jenes Schöpfers?

Die Analogie zu menschlichen Praxen, auf die die Autoren ihre Argumentation stützen, ist zudem insofern höchst problematisch, als dass wir schlicht keine (menschlichen) Schöpfer und keine (von Menschen durchführbaren) Verfahren kennen, die Lebewesen erschaffen können – ein Umstand, den Junker & Scherer ja durchaus selbst vehement bekräftigen, aber andernorts ironischerweise ausgerechnet als den ‚Intelligent Design‘-Ansatz stützend werten (vgl. 78).

Wenn ‚Wissenschaft‘ „mehr“ kennzeichnen soll als einfach die Tätigkeit, die Menschen in weißen Kitteln verrichten, müssen die in einer Wissenschaft verwendeten Termini explizit eingeführt und Theoriebestandteile begründet werden, um dem für wissenschaftliche Theorien erhobenen Anspruch auf Gültigkeit gerecht werden zu können. Gerade Entsprechendes versäumen Junker und Scherer aber nicht nur bezüglich Schöpfung/schöpfen, sondern auch bezüglich ‚Design‘ und ‚intelligent‘; sie verlassen sich lediglich auf äußerst unklare, unscharfe vorwissenschaftliche Verständnisse. Nur weil diese Vorarbeit nicht geleistet wird, ist es möglich, das Junker und Scherer sowohl „irreduzible“ (306), als auch „spielerische“ (307) Komplexität als Design-Signal werten können: Sowohl die (augenscheinliche) Schlichtheit und Zweckmäßigkeit einiger funktionaler Strukturen, als auch das kontradiktorische Gegenteil, nämlich ‚unnötige Kompliziertheit' oder gar die ‚Funktionslosigkeit' anderer „Luxusstrukturen“ (307) deuten sie als Beleg für die Existenz und das Wirken eines Schöpfers – schließlich sogar als „‚Nachrichten‘ des Schöpfers an seine Geschöpfe“ (318). Die Doppeldeutigkeit von ‚Ursprung‘ – ‚historischer‘ oder aber ‚methodischer Anfang‘ – nutzen Junker und Scherer in ähnlicher Weise.

Lönnig führt im oben erwähnten Artikel eine Polemik von R. Nachtwey an, wonach es „leer und hohl“ sei, dass Evolutionsverfechter sämtliche Entwicklung an Lebewesen stets auf dieselbe Weise durch ungerichtete Mutation und Selektion (was in dieser Form nicht stimmt) erklärten: „Wer zufällig so abänderte, der blieb im Daseinskampf übrig!“ Das Vorgehen der ‚Intelligent Design‘-Verfechter, die immer „einfach nur“ auf die Genialität des Schöpfers verweisen, besitzt indes alles andere als mehr Plausibilität – und wird ohnehin nur durch die willkürliche Verwendung von ‚intelligent‘ ermöglicht.

Um ein letztes Beispiel für ungenügende Bestimmung grundlegender Termini herauszugreifen: Junker und Scherer sehen zwar die „Rekonstruktion der Geschichte der Natur“ (16) als zentrale Aufgabe der Naturwissenschaften, erläutern aber nicht, inwiefern ‚rekonstruieren' etwas anderes ist als dichten oder eine Geschichte erzählen. Sie geben also weder die Kriterien an, nach denen Rekonstruktionen gut oder schlecht beziehungsweise gelungen oder misslungen sind, noch thematisieren geschweige denn reflektieren sie den Zweck, zu dem (natur-)wissenschaftliche Rekonstruktionen durchgeführt werden: Auch Biowissenschaften werden ja nicht zum Selbstzweck – „Aber es ist doch so schön!“ – betrieben, sondern um die aufgestellten und geprüften Theorien verwenden zu können.

Die aus dem Versäumnis der Autoren resultierenden Probleme seien verdeutlicht anhand ihrer Äußerungen zum ‚methodischen Atheismus‘: „Bei der Rekonstruktion der Geschichte des Lebens werden prinzipiell nur empirisch fassbare Faktoren berücksichtigt. Eine besondere Schöpfung wird ausgeschlossen. Der Ausschluss der Möglichkeit einer transzendenten Schöpfung ist eine außerwissenschaftliche Vorentscheidung und damit eine Grenzüberschreitung in den weltanschaulichen Bereich. […] Denn der grundsätzliche Ausschluss einer transzendenten Schöpfung ist weder durch naturwissenschaftliche Daten noch durch den methodischen Atheismus begründbar.“ (17f)

Hierzu muss erstens angemerkt werden, dass der ‚methodische Atheismus‘ gerade jener ‚grundsätzliche Ausschluss‘ ist (ihn folglich nicht begründen kann oder können sollte). Wie dieser Ausschluss durchaus gerechtfertigt werden kann, wurde oben schon erläutert.

Zweitens berücksichtigen Naturwissenschaften keinesfalls allein empirisch fassbare Faktoren – wie Junker und Scherer zuvor selbst schon feststellten: „Die Methode der Naturwissenschaft [Was soll hier eigentlich der Singular?] umfasst auf empirischer Seite die systematische Beobachtung des Naturgeschehens, gezielte Messungen und Experimente, und auf der theoretischen Seite die wissenschaftliche Begriffs- und Theoriebildung.“ (16; kursiv durch W.W.)

Und genau an dieser Stelle wird deutlich, dass sich der ‚Intelligent Design‘-Ansatz mit beziehungsweise als Zurückweisung des ‚methodischen Atheismus‘ per se selbst ad absurdum führt und nicht als ‚Wissenschaft‘ gelten kann: Entweder gesteht man naturwissenschaftlichen – das heißt hier: ausschließlich auf Empirie und Ratio zurückgreifenden, „Wunder“ ausschließenden – Erörterungen einen Erklärungswert zu, oder man bestreitet implizit, dass der Mensch überhaupt irgend etwas in der Welt erklären, geschweige denn verstehen kann. Es wäre dies gleichsam die Selbstentleibung der Wissenschaft. Denn wenn auch nur in einer einzigen Erklärung Wunder zugelassen würden – beispielsweise statt Makroevolution direkte, mit (natur-)wissenschaftlichen Mitteln nicht erklärbare Eingriffe des Schöpfers –, dann wäre schließlich nie sicher, ob dasjenige, was zwar durchaus ohne Wunder erklärbar ist – beispielsweise, wie ja auch Junker & Scherer zugeben, Mikroevolution –, nicht vielleicht „in Wirklichkeit“ doch durch Übernatürliches bewerkstelligt wurde.

Dabei wiederum wird veranschaulicht, warum die Unterscheidung, die Junker und Scherer zwischen der Wirklichkeit der (Natur-)Wissenschaften und der tatsächlichen Wirklichkeit treffen wollen – der naive Realismus, dem sie eben doch anhängen –, schlicht unsinnig ist: Sie verkennt kurz gesagt schlicht, dass jenes, was erklärtermaßen außerhalb unseres (wissenschaftsgestützten) Erkenntnisvermögens liegt, eben außerhalb unseres Erkenntnisvermögens liegt – und daher nicht Gegenstand vernünftiger (personeninvariant gültiger) Rede sein kann. Dahingehend war auch der Ausdruck ‚methodischer Atheismus‘ zu verstehen. Es ist Junker und Scherer also entgangen, dass eine vernünftige – nämlich keine unrechtfertigbaren ontologischen Ansprüche auf Erkenntnis der „wahren Wirklichkeit“ erhebende – (Natur-)Wissenschaft überhaupt nicht mehr zu erreichen sucht als das, was von ihnen herabgewürdigt wird: „Auf der Basis des methodischen Atheismus können jedoch ohne weltanschauliche Grenzüberschreitungen Simulationsexperimente durchgeführt oder theoretische Szenarien entworfen werden. Diese können aber bestenfalls zeigen, wie und ggf. mit welcher Plausibilität vergangene Prozesse in der Geschichte der Lebewesen abgelaufen sein könnten, nicht aber, ob sie so tatsächlich stattgefunden haben“ (18). Vergleicht man diese Möglichkeiten mit denen, die Junker & Scherer für den ‚Intelligent Design‘-Ansatz angeben (318, Kasten), fällt auf, dass auch dieser nicht mehr bietet (und bieten kann), dafür aber eben, wie die Autoren selbst ausdrücklich eingestehen, zusätzlich noch durch eine ‚Grenzüberschreitung‘ in den subjektiv-weltanschaulichen Raum die Schöpfungsannahme hinzunehmen müssen.

Junker und Scherer müssen sich auch die Frage gefallen lassen, inwiefern die „wirkliche“ oder „tatsächlich vorliegende“ Planung des Schöpfers überhaupt erkennbar ist. Beim ‚Intelligent Design‘-Ansatz wird schließlich unterstellt, dass ‚Geplantheit‘ oder ‚Designtheit‘ (was auch immer das genau ist; siehe oben) eine Eigenschaft ist, die Gegenständen, auch Organismen oder Teilen von ihnen, entweder haben oder nicht haben, die folglich von Forschern an ihnen festgestellt werden könnte. Es wäre jene Eigenschaft somit eine empirische Größe, die den Dingen „an sich“ zukäme. Nicht allein Pokerspieler („Ist dies eine Marotte, die die Nervosität meines Gegenübers anzeigt oder doch ein Bluff?“) und Liebhaber von Kriminalgeschichten („Ist diese Spur echt oder fingiert?“) dürften sich einig sein, dass entsprechende Fragen nie rein empirisch (zumal ohne Stellungnahme des Planenden/Designenden) entschieden werden können: Zwar mag auch das Verfolgen einer fingierten Spur Sherlock Holmes zufällig zu den richtigen Schlussfolgerungen veranlassen, doch was ein Akteur beabsichtigte und willentlich herbeiführte, ist in aller Regel für andere (teilweise nicht einmal für ihn selbst) nicht einwandfrei von bloßen Widerfahrnissen – sie mögen ihm oder anderen zwar gelegen kommen, waren aber nicht intendiert – zu unterscheiden. Der Zeichner Ralph Ruthe veranschaulicht dies in einem seiner Cartoons: http://www.ruthe.de/strip/img/strip_0045.jpg

Junker und Scherer vermengen hier also – wieder einmal – die Objekt- mit der Beschreibungsebene: Auch ‚irreduzibel komplex‘ kann etwas nur hinsichtlich einer ‚Funktion‘ sein. „Die“ Funktion eines ‚Organs‘ – per Definition eine ‚funktionale Einheit‘ – ergibt sich wiederum dadurch, dass etwas als Organ beschrieben wird. ‚Irreduzibel komplex‘ ist etwas somit eindeutig allein in Bezug auf die für es angefertigten Beschreibung!

Ironischerweise sehen Junker und Scherer die Bezogenheit auf bestimmter Gegebenheiten anderswo durchaus: „Bekannte Beispiele vorteilhafter Mutationen belegen nur einen relativen Vorteil: Der Vorteil gilt nur in speziellen Umwelten, nicht schlechthin“ (68f). Recht haben sie, denn vom ‚Vorteil‘ eines speziellen Merkmals kann selbstredend immer nur bezüglich einer speziellen Umwelt und gegenüber speziellen Konkurrenten die Rede sein. Damit formulieren sie jedoch keinen Einwand gegen Betrachtungen moderner Evolutionstheorien (schon Darwin selber hat genau darauf hingewiesen), sondern „nur“ gegen ihre eigene ungenügend reflektierte Benutzung des Ausdrucks ‚irreduziblen Komplexität‘ ohne (Objekt-)Bezug.

Hier treten nun die unterschiedlichen Zielsetzungen von Biologie auf der einen, dem ‚Intelligent Design‘-Ansatz auf der anderen Seite zutage. Erstere sucht mittels personeninvariant zu begründender Methoden das Lebendige zu erforschen (zwecks Erarbeitung von Manipulationsmöglichkeiten des selbigen). Letztere trachtet anhand der Erforschung der Natur „nur“ danach, metaphysische Gegebenheiten zu belegen: Es „besteht im Rahmen des ID-Ansatzes großes Interesse, die Struktur-Funktions-Beziehungen der Lebewesen und Evolutionsmechanismen aufzuklären, um [sic!] besser beurteilen zu können, ob die Entstehung von Lebensstrukturen mit natürlichen Vorgängen erklärt werden kann.“ (308) Die Auswahl der zu verwendenden Methoden erfolgt dabei (allein) aufgrund ihrer Eignung, die gewünschten Ergebnisse zu erbringen – Kriterien der Wissenschaftlichkeit genügt es jedoch nicht. Beispielsweise wird konstatiert: „Design-Signale lassen sich intuitiv erkennen“ (308). Mit ähnlicher »Erkenntnis« unterstützen jedoch beispielsweise auch die Mitglieder der ‚Flat Earth Society‘ ihre (auf Bibelexegese gegründete) Überzeugung, dass die Erde eine flache Scheibe sei.

Beim ‚Intelligent Design‘-Ansatz handelt sich somit nicht um ein naturwissenschaftliches Unterfangen, sondern die Erforschung der Natur ist nur Hilfsmittel zur Erlangung beziehungsweise Bestätigung eines Weltbildes. Und dieses wurde vorher – ‚Deutung des Leben unter der Voraussetzung von Schöpfung‘ – bereits investiert: die klassische ‚petitio principii‘. Junker und Scherer gehen somit völlig fehl, wenn sie behaupten: „Gleichartig sind Evolutions- und Schöpfungslehren darin, dass versucht wird, Theorien zu entwickeln, die einer Überprüfung zugänglich sind.“ (19) Denn aufgrund der unterschiedlichen zugrunde gelegten normativen Kriterien, werden gänzlich verschiedene ‚Überprüfungen‘ angestellt.

Wenn allerdings ‚naturwissenschaftlich‘ „bloß“ als Prädikat für Erklärungen aufgefasst wird, die (aus methodologischen Gründen) keine „Wunder“ zulassen, so ist Junker und Scherer vorbehaltlos zuzustimmen, wenn sie einräumen: „Werden bei der Frage nach der Entstehung der Welt und des Lebens nur naturwissenschaftlich nachweisbare Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zugelassen, so ist unter Berücksichtigung der vorliegenden Daten eine evolutionäre Deutung der Geschichte des Lebens zwingend.“ (18)

Was kann „Evolution – ein kritisches Lehrbuch“ also bieten? Es zeigt zum einen auf, dass die modernen (Natur-)Wissenschaften eben doch längst noch nicht auf alle möglichen Fragen eine Antwort gefunden haben und solche wohl auch kaum in absehbarer Zeit finden werden: Dieser Umstand wird leider nur zu gerne von (Natur-)Wissenschaftlern verschwiegen oder marginalisiert. Doch die entsprechenden Ausführungen bei Junker und Scherer sind in vielen Punkten mangelhaft: Bei weitem nicht alles, was sie als Problem schildern, ist als ein solches aufzufassen. Ein übriges gilt für die an sich zwar gut verständlichen und erfreulich umfangreichen, dabei aber eben verzerrten Darstellungen des gegenwärtigen Stands biologischer Forschung: Der Leser tut sehr gut daran, sich auch anhand anderer Quellen zu informieren. Als naturwissenschaftliches Lehrbuch ist das Werk aus diesen Gründen nicht geeignet.

Zum anderen ermöglicht es indes Einsichten in religiös motivierte Denkweisen und Ansichten, die, obgleich sie Vielen der heutigen Zeit unangemessen erscheinen mögen, in den letzten Jahren auch im säkularen Europa wieder verstärkt Zulauf finden.

Verbinden sich jene mit einem erkenntnistheoretischem Dilettantismus, der ‚wissen‘ und ‚glauben‘ nicht voneinander zu unterscheiden sucht beziehungsweise keine hinreichenden Kriterien für diese Unterscheidung aufstellt, sind schützenswerte Errungenschaften der vergangenen Jahrhunderte gefährdet. Die Unterscheidung ist dabei keinesfalls eine nach ‚gut‘–‚schlecht‘, sondern »lediglich« eine hinsichtlich grundverschiedener Zielsetzungen, Ansprüche und Geltungen. Daraus folgt aber, dass Glaubensbekundungen und Wissensaussagen grundsätzlich nicht miteinander konkurrieren: ‚Glauben‘ und ‚wissen‘ gehören nicht demselben ‚Sprachspiel‘ an, es kann also weder ein Schlachtfeld für eine Auseinandersetzung, noch eine Verquickung zwischen beiden geben. Schon die teilweise tief religiösen neuzeitlichen Pioniere der Evolutionsforschung wussten entsprechend ihren persönlichen Glauben von ihrer wissenschaftliche Forschung zu trennen.

Was Junker und Scherer vorgelegt haben, ist eine schillernde Glaubensbekundung, die ungerechtfertigte – und ungerechtfertigterweise – wissenschaftliche Ansprüche erhebt. Dafür sind sie nicht als Vermittler des Glaubens an Gott zu loben, sondern als schlechte Wissenschaftler zu tadeln.

Um sich daher lieber in die Gesellschaft derer zu begeben, die philosophisch-essayistisch argumentieren, als in die derer, die pseudo wissenschaftlich „argumentieren“ sollte man – bei allen Vorbehalten, die man gegen seine naturalistische Position haben kann – Richard Dawkins das Schlusswort: „The hypothesis of God offers no worthwhile explanation for anything, for it simply postulates what we are trying to explain.“

Reinhard Junker, Siegfried Scherer: Evolution – ein kritisches Lehrbuch.
6. aktualisierte und erweiterte Auflage
Weyel Lehrmittelverlag, Giessen 2006.
336 Seiten, 24,90 EUR
ISBN 978-3-921046-10-4