Unentbehrliches Handwerkzeug

Das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft in einer broschierten Neuausgabe

Von Robert Weisz

Das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, hervorgegangen aus dem vormaligen Reallexikon zur Literaturgeschichte, ist seit seinem Erscheinen in den Jahren 1997 bis 2003 ein unentbehrliches Nachschlagewerk für jeden Germanisten, ob für studentische oder wissenschaftliche Zwecke. Der einzige Nachteil des Ganzen: Es war für knapp 400 EUR preislich nur für Bibliotheken oder Institutionen erschwinglich.
Der Berliner Walter de Gruyter Verlag hatte nun ein Herz auch für Menschen mit kleinerem Geldbeutel und brachte eine überaus preiswerte broschierte Ausgabe heraus. Die drei Bände des von Georg Braungart, Harald Fricke, Klaus Grubmüller, Jan-Dirk Müller, Friedrich Vollhardt und Klaus Weimar herausgegebenen Lexikon sind im Schuber für unter 100 EUR erhältlich. Inhaltlich ist diese Ausgabe erfreulicherweise mit der gebundenen Ausgabe identisch.
Und so erhält man für kleines Geld ein Hilfs- und Arbeitsmittel an die Hand, das in keiner literaturwissenschaftlichen Privatbibliothek fehlen sollte. Das Lexikon erläutert die wichtigsten Termini des Faches in ausführlichen Artikeln, die nicht nur den Begriff selbst erläutern, sondern auch die Wort-, Begriffs-, Sach- und Forschungsgeschichte desselben. Abgeschlossen wird der jeweilige Artikel von einer überaus umfassenden Literaturübersicht. Man beschränkt sich hier nicht nur auf Gattungsbegriffe, sondern diskutiert auch methodische und literaturtheoretische Termini, wobei gerade hier offensichtlich wird, dass die Herausgeber ein deutliches Augenmerk auf den Pluralismus der Meinungen legen. Dogmatische Festlegungen um der  Position willen sind kaum zu finden, die unterschiedlichen Forschungsmeinungen werden in  der gebotenen Kürze mit diskutiert. Ganz aktuell sind die Angaben der Bibliografie nicht, bemerkbar macht sich das vor allem im ersten Band, der bereits vor zehn Jahren erschien. Doch das ist angesichts des Aufwandes für eine Aktualisierung gerade bei der vorliegenden Ausgabe verständlich.
Dennoch ist das Lexikon keineswegs veraltet, die Artikel zur Pop-Literatur oder zum Videoclip etwa benennen Probleme und Phänomene, deren Relevanz auch in der aktuellen Diskussion noch immer eine Rolle spielen. Ein Beleg übrigens dafür, dass das „Reallexikon“ sich nicht nur auf genuin germanistische Termini beschränkt, sondern sich nicht scheut, auch gelegentlich die engen Grenzen des Faches zu überschreiten und sich in die Nähe der cultural studies zu begeben. Die Spielräume werden ausgelotet, ohne dabei die Traditionslinien des Faches zu vergessen. Debatten wie etwa der Stellenwert der Geisteswissenschaften und speziell der Germanistik in der einer von den Naturwissenschaften geprägten Zeit findet man nur am Rande, aber das ist – wie bereits gesagt – dem zum Teil schon einige Jahre zurückliegenden Erscheinungsdatum geschuldet. Gespannt kann man aber dennoch auf den Vergleich zu aktuellen Lexika sein, so etwa zum ebenfalls dreibändigen, in Kürze bei Metzler erscheinenden „Handbuch Literaturwissenschaft“.
Für den täglichen Gebrauch in Forschung und Lehre ist das Lexikon jedoch unschlagbar, sich aufwerfende Fragen werden präzise geklärt, die Artikel sind differenziert und klug geschrieben. In jedem Fall kann man mit dem „Reallexikon“, gerade in der vorliegenden Ausgabe, nichts falsch machen und jeder Literaturwissenschaftler sollte hierfür ein Plätzchen in seinem Bücherregal freiräumen.

 

Georg Braungart, Harald Fricke, Klaus Grubmüller, Jan-Dirk Müller, Friedrich Vollhardt und Klaus Weimar (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft.
Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2007.
2444 Seiten, 98,00 EUR.
ISBN 978-3-11-019355-8